Buchbesprechung/Rezension:

Carol Leonnig: Secret Service
Die geheime Geschichte der Agenten, die den US-Präsidenten schützen sollen


verfasst am 05.01.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Leonnig, Carol, Politik
LiteraturBlog Bewertung:

Die ernsten Herren, die in dunklen Anzügen und mit dunklen Sonnenbrillen alles und alle misstrauisch mustern, wenn der US-Präsident unterwegs ist: Das sind die Leute vom Secret Service.

Eine der vielen Dienste in den USA, die sich um die Sicherheit für definierte Personenkreise oder Aufgabengebiete kümmern und eine der kleineren Organisationen.

Von Kennedy bis Trump reicht dieser Report über den Secret Service und betrachtet dabei eine Organisation, die sich im Zeitraum von rund 70 Jahren von einer kleinen Mannschaft zu einer mehrere tausend Personen umfassenden Behörde entwickelt hat.

Carol Leonnig, die seit vielen Jahren als Reporterin für die Washington Post arbeitet und bereits zwei Mal den Pulitzer-Preis für ihre Enthüllungs-Bücher erhielt,  stützt sich auf die Aussagen von Informanten aus dem Dienst und aus der Politik. Deren Zusammenfassung liefert unter anderem ein mehr oder weniger verblüffendes (oder erschreckendes) Ergebnis: Es ist ein Wunder, dass seit Kennedy kein Präsident oder jemand aus seinem engsten Kreis einem Attentat zum Opfer fiel.

Denn das Ergebnis der Recherche ist wohl für die USA ernüchternd. Unter anderem kamen dabei diese Fakten ans Licht:

  • Die technische Ausstattung hinkt Jahrzehnte hinter den anderen Diensten der USA und auch hinter der Ausstattung möglicher Attentäter hinterher
  • Mehrere Anschläge wurden nicht durch geplantes Vorgehen, sondern nur durch die beherzten Einzelleistungen einiger der Agenten verhindert.
  • Aus Fehlern werden selten Konsequenzen gezogen
  • Das Weiße Haus wurde mehrfach von Fremden betreten, ohne dass deren Eindringen rechtzeitig bemerkt wurde
  • Es dauerte mehrere Tage bis festgestellt wurde, dass während Barack Obamas Amtszeit auf das Weiße Haus geschossen wurde
  • Der Secret Service vertuscht systematisch eigene Fehlleistungen und reagiert nicht auf rassistische und sexistische Ausfälle der eigenen Mitarbeiter
  • Der Secret Service ist chronisch unterfinanziert. Er erleidet damit das Schicksal vieler Sicherheitsorganisationen, wie wir es auch von den Zuständen bei uns kennen: die Aufgaben werden umfangreicher, die Budgets stagnieren oder werden kleiner.

Carol Leonnig berichtet nicht nur über die Arbeit des Secret Service, sondern auch darüber, welche Einstellung die einzelnen Präsidenten dazu hatten. Hervorzuheben sind dabei die beiden korruptesten Präsidenten, die die USA in den letzten Jahrzehnten hatten:

  • Richard Nixon versuchte, den Dienst zur Bespitzelung seiner politischen Gegner einzuspannen und seine eigenen rechtswidrigen Handlungen zu verschleiern
  • Donald Trump zapfte das Budget des Dienstes an und verlangte den Schutz gleich mehrerer seiner Immobilien. Zudem verschlangen die wöchentlichen Flüge zum Golfen Unsummen. Dabei floss immer ein erheblicher Teil des Geldes in Trumps eigene Taschen, wenn er für die Unterbringung der Agenten Miete verlangte und auch sonst alles verrechnete, was mit seinem eigenen Schutz zu tun hatte.

Die rund 60 Jahre, die im Buch detailliert aufgerollt werden, zeigen zudem auch ein rein inneres Problem: Es wurde zur Tradition, dass Führungspositionen immer nur durch interne Vorrückungen nachbesetzt wurden. Neuzugänge von außerhalb haben nie eine Chance, die Organisation zu reformieren, denn es steht immer eine breite Front von Alteingesessenen dagegen. Eine Folge davon ist unter anderem auch, dass der Anteil von Frauen und Menschen anderer Hautfarbe als weiß weit unter dem in anderen Behörden liegt.

Das Buch ist zugleich spannend und erhellend – eine Mischung aus Spionagethriller – wenn es um die Nachverfolgung der Abläufe und Intrigen innerhalb der Organisation geht – und Boulevard-Reportage – wenn man über den Alltag und das Verhältnis der Präsidenten und ihrer Familien gegenüber ihren Sicherheitsleuten liest.




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