Buchbesprechung/Rezension:

Hans Woller: Gerd Müller
oder Wie das große Geld in den Fußball kam

Gerd Müller
verfasst am 14.06.2024 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Woller, Hans
Genre: Biographien
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Wer kennt ihn nicht, den Gerd Müller, den Torjäger, der als „Bomber der Nation“ Furore machte? Uns allen wohl bekannt, ist das legendäre Doppelpassspiel, dass sich in Radio- oder Fernsehreportagen so angehört hat:

„Beckenbauer zu Müller, Müller zu Beckenbauer, zurück zu Müller, Toooooooooor“

Wer, so wie ich, schon ein wenig älter ist, kann sich an den stämmigen Fußballer, der, so hat es für die Zuschauer den Anschein, stets vor dem gegnerischen Tor quasi untätig herumlungert und in einem unbeobachteten Moment den Ball in eben diesem Tor versenkt, erinnern. Gerd Müller hatte übrigens Schuhgröße 39, für einen Mann eine ungewöhnlich kleine Größe. Der gedrungene, aber wendige Fußballer, den so mancher Trainer anfangs nicht aufstellen wollte, konnte aus nahezu jeder Position und mit jedem Körperteil ein Tor erzielen. Ob im Liegen oder im Sitzen, stehend oder laufend, mit beiden Füßen und Oberschenkeln, dem Knie, dem Hintern, der Ferse oder auch schon mal mit dem Bauch: Gerd Müller traf immer.

Historiker Hans Woller hat einen etwas anderen Blick auf das runde Leder und nimmt neben Gerd Müller auch das Umfeld in Augenschein. Er beschreibt nicht nur den Fußballer, sondern auch den Menschen Gerd Müller. Woller nähert sich ihm behutsam, taktvoll und dennoch offen an.

Der Autor recherchiert, führt Interviews und ist erstaunt, dass manche Interviewpartner nicht öffentlich zitiert werden wollen, wenn es um den FC Bayern München geht. Genauso wenig öffnet der Fußballverein seine Archive. Die Vermutung, dass das alles mit der Verstrickung des Fußballs mit den diversen Geldflüssen und Steuervermeidungsstrategien, die von der Politik Bayerns geduldet, wenn nicht sogar gefördert wurde, zusammenhängt, liegt nahe. Der Finanzskandal rund um den Fußballklub hat ja einst hohe Wellen geschlagen. Nicht, dass der FC Bayern der einzige Verein wäre, der solche Tricks auf Lager hat(te). Doch es scheint, als wäre er die Spitze des Eisbergs, was eine getürkte Einnahmen/Ausgaben-Rechnung und Steuervermeidung mit Politikbeteiligung betrifft.

Der Fokus dieses Buches liegt streckenweise eher auf den Malversationen des FC Bayern München und die Verstrickung von Politik, Managern und den Umgang mit der Presse denn auf dem Fußballstar. Obwohl, Star, so scheint es, wollte Gerd Müller keiner sein. Natürlich haben er und seine Frau Uschi die Annehmlichkeiten des Ruhmes genossen, die Schattenseiten der Popularität haben die beiden dann leidvoll erkennen müssen.

Gerd Müller wird hier als ein schüchterner Mensch beschrieben, der sehr unter der Ablehnung seiner Teamkollegen litt. Müller kommt aus sehr einfachen Verhältnissen (der Vater war Fahrer und die Mutter Putzfrau). Er selbst kann lediglich einen Volksschulabschluss vorweisen. Das Reden und das Rampenlicht überlässt er lieber Franz Beckenbauer oder Uli Hoeneß. Als Gerd Müller nahezu pleite und alkoholkrank aus Amerika zurückkehrt, sind es aber dann genau die beiden, die ihn auffangen und ihm Halt geben. Aus schlechtem Gewissen oder doch Nächstenliebe? Gerd Müller erhält einen Trainerjob im Stab der zweiten Mannschaft der Bayern, den er von 1992 bis 2014 innehat.

2015 gibt der FC Bayern bekannt, dass ihr einstiger Topstar an Demenz erkrankt ist und in einer entsprechenden Einrichtung betreut werden muss. Uschi Müller besuchte ihn bis zu seinem Tod am 15. August 2021 jeden Tag.

Das Buch gibt überraschende und weniger überraschende Einblicke in den Alltag des Fußballs und speziell dem des FC Bayern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Für mich neu war, dass die Fußballer ununterbrochen Freundschaftsspiele absolvierten, um Geld in die leeren Kassen der Vereine zu spie(ü)len. Der „Präse“ hat dies ohne Rücksicht auf die Spieler und deren Gesundheit einfach angeordnet – Regenerationszeit gleich null. Das Fehlen von Ärzten, Masseuren und sonstigen, heute üblichen Helferleins hat mich auch ein wenig irritiert. Wenn man sich ansieht, über welchen Betreuerstab die einzelnen Mannschaften heute verfügen, wundert es fast ein wenig, dass die Fußballer früher so erfolgreich sein konnten.

Fazit:

Ein fundiert recherchiertes Sachbuch, das einen etwas anderen Blickwinkel auf Deutschlands liebste Sportart hat. Ich kann das Buch als Geschenk für Fußballfans empfehlen. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.




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