Buchbesprechung/Rezension:

Hari Kunzru: Red Pill


verfasst am 23.08.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kunzru, Hari, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Der Schriftsteller, der namenlose Erzähler dieser Geschichte setzt alle seine Hoffnung darauf: Ein Stipendium am Deuter-Institut in Berlin-Wannsee soll ihn endlich in die Lage versetzen, das neue Buch zu schreiben. Daheim in Brooklyn hindert ihn die Enge der Wohnung, die stetige Unruhe, seit seine Tochter auf der Welt ist, daran, sich auf seine Arbeit zu konzentrierten.

Das Stipendium kommt zur rechten Zeit, ein paar Monate in Abgeschiedenheit, nur auf seine Aufgabe fokussiert. Hätte er die Ausschreibung des Stipendiums genau gelesen, wäre er bei der Ankunft nicht so sehr enttäuscht worden. Ein gemeinsamer Arbeitsraum für alle Stipendiaten, ein Speisesaal mit Tischnachbarn, die man sich nicht aussuchen kann, Überwachung aller Aktivitäten (zum Zwecke der Forschung, wie es heißt), keine Privatsphäre und dazu noch so etwas wie eine Anwesenheitspflicht. Alles genau das Gegenteil der erhofften Abgeschiedenheit.

Anstatt zu arbeiten, verbringt er Stunden damit, sich brutale Fernsehserien anzusehen, auf Spaziergängen zur Kleist-Gedenkstätte oder ziellosen Recherchen. Er lässt sich treiben.

Ist es die Enttäuschung, weil sich im Institut alles so ganz anders darstellt, als er es sich ausgemalt hatte? Auf dem Weg, die Welt rundherum immer mehr nur in Teilen wahrzunehmen entwickelt er Perspektiven für sein Leben, die sich Schritt für Schritt von dem entfernen, was in Wirklichkeit geschieht. Als ob er statt direkt aus dem Fenster zu sehen was dort gerade geschieht, sich einen Film über eine dystopische Welt ansieht und meint, dass der Film die wirkliche Welt draußen darstellt und nicht der Blick aus dem Fenster.

Szenenwechsel (Bericht von Monika – der Frau, die täglich sein Zimmer im Institut reinigt und in Ordnung bringt): in die DDR. Der Überwachungsstaat, der seine Bürger dazu zwang, andere auszuspionieren. Der mit Sippenhaftung alle bedrohte, die sich nicht den Befehlen der Stasi fügten. Der nichts anderes war, als der direkte Nachfolgestaat Nazi-Deutschlands, nur in anderem  Gewand. Ein Staat, ein Leben, in dem man vor allem und jedem auf der Hut sein musste, überall konnten Spitzel lauern. Ein Staat, in dem es offiziell keine Nazis gab, in Wahrheit aber die Nazis ihre feste Basis fanden. Die DDR, die nach ihrem Ende unzählige zerstörte Menschen und auf Lügen basierende Existenzen zurückließ.

Erneuter Szenenwechsel (das zufällige Treffen mit Anton und dessen Folgen): Man kann sie nicht mehr so leicht erkennen, die Rassisten, die Neonazis, die Pädagogen. Sie kleiden sich wie wir alle und nur wenn man genau hinhört, erkennt man sie. Natürlich gibt es auch noch die unüberhörbaren Populisten die ihre Ideologie gleich allen aufdrängen wollen, aber von ihnen geht die kleinere Gefahr für Frieden und Demokratie aus als von denen, die sich klammheimlich hereinschleichen und von innen zerstören wollen.

Man darf sich keine geradlinige Erzählung erwarten, sie hat Ecken und Kanten, ist abwechselnd eindeutig und unklar.

Für viele Menschen ist die Informationsflut nicht mehr beherrschbar

Womit aber – das ist, was ich aus dem Roman mitnehmen kann – genau jene Unsicherheit beschrieben wird, mit der viele Menschen des 21. Jahrhunderts durch das Leben stolpern. Zu viele Einflüsse aus allen Richtungen, so vieles scheint richtig zu sein, obwohl es voller Widersprüche ist. Wo ist die Wahrheit und was ist nur eine perfekte Lüge (Was das mit viel zu vielen Menschen macht, hört und erlebt man aus den wirren Behauptungen über Bevölkerungsaustausch, Chemtrails, Chips in Impfungen, …).

Der namenlose Schriftsteller erkennt aber für sich schon bald, was falsch ist. Wie die Extremisten vom Rechten Eck immer mehr in die Mitte drängen, wie sie ahnungslose Opfer für sich einspannen, wie die, die vom Alltag überfordert sind, sich dem Extremen zuwenden, weil es einfache Antworten liefert – ob wahr oder falsch, das ist nicht wichtig, wichtig ist nur, dass es simpel in der Aussage ist. Und er erkennt auch die Methode dieser Agitatoren, die unter verschiedenen Namen auftreten, um dem Publikum vorzugaukeln, dass man es mit einer unglaublich großen Bewegung zu tun hätte.

Es wiederholt sich alles, die autoritären Ideologien, egal welcher Farbe, sind gleich, bleiben gleich und passen sich doch der jeweiligen Zeit an: von den Nazis über die Stasi zu den neuen Faschisten. Ihre Methoden haben sie immer weiter verfeinert, nun scheinen sie schon alles unterwandert zu haben.

Abschnitte mit realem Inhalt (bestes Beispiele dafür ist die Erzählung Monikas über die DDR-Zeiten mit dieser entlarvenden Schilderung der Stasi-Methoden) wechseln sich ab mit beinahe verwirrten Momenten, wenn der Erzähler über Antons Strategie und Ziele nachdenkt und sich auf dessen Fährte begibt.

Es verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Einbildung, im Kopf des Erzählers entsteht eine Welt, die ihn zu überwältigen scheint; es ist für ihn bald nicht mehr zu unterscheiden was wahr und was nur ausgedacht ist.

Der Blick aus dem Buch in das Jahr 2021

Vieles im Buch wird beim Lesen zum Ausgangspunkt für eigene Überlegungen. Ohne dass es darin einen Bezug auf konkrete Personen oder Ereignisse unserer Gegenwart gibt, drängen sich doch unweigerlich Vergleiche mit der Wirklichkeit auf, wie vor allem die rechten Demagogen die Grenzen des Sagbaren immer weiter in Richtung ihrer eigenen Ideologie verschieben und wie sie dabei immer mehr willige Handlanger finden, die Gewalt gegen alle ausüben, die dieser Ideologie nicht folgen.

Bleibt noch, über die Auflösung dieser Verwirrungen zu berichten (in der es dann doch noch einen ganz konkreten Bezug zur Gegenwart gibt). Der Roman endet mit einem Moment der jüngsten Geschichte, der zu belegen scheint, dass das Böse, das in Gestalt der Populisten auftritt, auf dem Weg ist, den liberalen Geist und das offene Denken zu besiegen.




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