Hilary Mantel: Die Ermordung Margaret Thatchers

verfasst am 23.09.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kurzgeschichten, Mantel, Hilary

Warum ich Kurzgeschichten mag? Weil die AutorInnen darin oft auf wenigen Seiten so viel an Inspiration und Geschehen hinein packen, wie sie es sonst für einen ganzen Roman verwenden. Und weil man dabei so oft neue Gedanken liest, solche, die für einen Roman nicht gereicht hätten oder die als Thema dafür nicht geeignet waren (und, nicht zu vergessen: man kann sich das Lesen so wunderbar einteilen).

Im Falle von Hilary Mantel verhält es sich so: mit ihren Romanen kann ich mich – bis jetzt jedenfalls – nicht anfreunden; aber sie ist 2-fache Booker-Preisträgerin und hoch angesehene Schriftstellerin. Da kam dieser Band mit 10 Kurzgeschichten gerade recht, um einen neuen Einstieg in ihr Werk zu versuchen.

Eine Gemeinsamkeit dieser 10 Storys stellt sich bald heraus. Das sonst vielleicht so gleichförmige Leben der Menschen – Frauen, Männer, Kinder -, die Mantel beschreibt, erfährt durch ein seltsames Ereignis ein unvorhersehbare Wendung. Dieses Ereignis, eine weitere Gemeinsamkeit, scheint zuerst nicht dazu angetan, irgendwie besonders oder aussergewöhnlich zu sein. Erst die daraus folgenden Wendungen führen zu Unerwartetem.

Etwas, das man selbst täglich erlebt, oder von dem man weiß, dass es andere so oder ähnlich erlebten, wird in Mantels Geschichten zum Auslöser für Vorgänge, mit denen man wohl nicht rechnen konnte.

Über die Inhalte der Geschichten zu schreiben ist nicht nötig. Denn die sind überraschend und verschlungen, vertraut und eindeutig zugleich; aber nichts dabei, was man nacherzählen oder auszugsweise schildern könnte ohne dabei gleich alles zu verraten. Man muss es lesen und man kann es genießen.

Daher nur ein Überblick, worüber man liest, u.a.: über das Leben als Frau in Saudi-Arabien und wie die schon befremdlichen Landessitten noch befremdlichere Auswüchse zeigen; die Wahrnehmung eines kleines Mädchens, in dessen Augen sich anderes zeigt als in den Augen der Erwachsenen; wie Erwartetes eintritt und wie schnell ein Herz aussetzten kann; wie ein Teil der Familie schwindet, ohne dass es ein Mittel gibt, das Absehbare anzuwenden; wie man durch einen unerwarteten Gast unversehens zur Komplizin wird; und noch viele mehr …

Hilary Mantel lässt in ihren – oft an Suspense erinnernden – Kurzschichten auch noch viel Platz für unsere eigene Phantasie; weil nämlich am Ende immer etwas noch nicht gänzlich erzählt oder erklärt zu sein scheint. Quasi zur Disposition der Leserin/des Lesers bleibt immer ein Teil ungeschrieben und wartet darauf, mit eigenen Ideen und mit Hilfe der eigenen Vorstellungskraft fertiggestellt zu werden.

Kurzum: Als Autorin von Kurgeschichten hat Hilary Mantel mich vollends überzeugt!


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