Buchbesprechung/Rezension:

Joël Dicker: Das Geheimnis von Zimmer 622


verfasst am 12.03.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Dicker, Joël, Thriller
LiteraturBlog Bewertung:

Ein Zimmer mit der Nummer 13 oder ein 13. Stockwerk: oft wird man beides in Hotels nicht finden. Im Hotel Palace in Verbier gibt es das Zimmer mit der Nummer 622 nicht. Seltsam genug, dass dort 621a steht, seltsamer noch, dass der Portier dazu eine Geschichte erzählt, die sich schon nach ein paar wenigen Recherchen als unwahr herausstellt.

Vor Ort ist der Schriftsteller selbst, auf der Suche Abstand vom Schreiben und nach Ruhe. Sein zufälliges Zusammentreffen mit der schönen Scarlett lässt aber beide Vorhaben nicht zu: denn ganz eingenommen von der Aussicht einer mysteriösen Geschichte auf der Spur zu sein, drängt sie ihn, daraus den Plot für ein Buch zu machen: den Roman über den Mord in Zimmer 622.

Vor und zurück springt jetzt die Geschichte. Zurück, das ist zu den Ereignissen vor dem Mord. Es geht um die Entscheidung, wer Präsident der renommierten Genfer Privatbank Ebezner wird. Macaire , der letzte lebende Nachkomme des Gründers und Träger des Namens; oder der dynamische, beliebte und fähige Lew Lewowitsch. Ein Jahr weiter in die Vergangenheit, dann fünfzehn Jahre, dann noch weiter zurück, auf der Suche nach dem Ursprung des Geschehens.

Joël Dicker (als Autor des Romanes und selbst auch in der Rolle des Schriftstellers im Buch) lässt sich viel Zeit, die ganze Geschichte auszubreiten. Diese Zeit braucht es aber auch, denn es sind eine Menge an Vorgängen, Geheimnissen, Beziehungen und einiges an Hinterlist, was man kennenlernen muss. Immer wieder liest man Hinweise auf Ereignisse, die man nicht kennt, scheibchenweise lässt Joël Dicker dann Erklärungen dazu in den Roman einsickern. Dass dabei keine Verwirrung aufkommt, liegt daran, dass die Zahl der Darsteller sehr überschaubar ist, man behält alle immer im Blick.

Der mehr an sich als an wirklicher Arbeit interessierte Macaire Ebezner stolpert durch ein Leben voller Fehler und falscher Entscheidungen. Nach dem Tod des Vaters musste er erfahren, dass er nicht automatisch dessen Nachfolger als Präsident würde. Eine länger zurückliegende Transaktion, als er seine Anteile an der Bank heimlich an den russischen Investor Tarnogol abgab, hatte das Vertrauen des Vaters in ihn nachhaltig erschüttern. Seine Frau Anastasia, von allen bewundert, von ihm innig geliebt, wunderschön, hat längst eine Affäre mit Lewowitsch begonnen, der wiederum der geschätzte Berater in internationalen Organisationen und von einflussreichen Politikern ist – quasi das exakte Gegenteil des unfähigen und notorisch überforderten Macaire.

Dazu kommt noch die verdeckte Arbeit Macaires für den Schweizer Geheimdienst, eine Tätigkeit, die ganz entscheidend zu seinem übersteigerten Selbstwertgefühl beiträgt.

Würde man wirklich alles Haupt- und Nebenentwicklungen des Romanes aufzählen, so ergäbe das für sich schon eine Kurzgeschichte. Deshalb sollen die schon erwähnten Fakten reichen, um die vielfach verschlungene Handlung grob zu skizzieren.

Viel Zeit also und eine zunächst durchaus gemächliche  Entwicklung; wenn man nun annimmt, dass das langweilig wäre, so stimmt das ganz und gar nicht. Obwohl ich meistens solche ausschweifenden Erzählungen nicht übermäßig mag, so finde ich in diesem Roman genau die richtige Dosierung zwischen Rückblicken, Rätseln, Nebenschauplätzen.

So viel man auch erfährt, so unklar bleibt es doch lange, was überhaupt geschah. Ein Mord, ja – aber wer war das Opfer? Die verschlungenen Pfade der Erzählung versperren immer wieder den Blick auf das, was wirklich in dieser Nacht vor sich ging. Bald könnte man annehmen, dass Joël Dicker seine Leserinnen ganz bewusst quälen möchte, indem er die Spannung Stück für Stück weiter erhöht: in ganz kleinen, immer kleiner werdenden Schritten und Enthüllungen wird man an den Zeitpunkt herangeführt, an dem das bislang Verborgene geschah.

Als man endlich erfährt, was in Zimmer 622 geschah, ist die Spannung noch lange nicht vorbei. Denn das einzige was man nun weiß ist, dass die Anzahl der möglichen Opfer und Täter um Eine/n verringert hat; oder auch nicht.

Was zuvor bedächtig und spannend war, wird nun rasant und spannend! Die Richtung ändert sich in beinahe jedem Kapitel, während der Schriftsteller und Scarlett versuchen, das Verbrechen aufzuklären, nachdem die Ermittlung der Polizei ergebnislos geblieben ist. Ist man dann endlich zur Lösung vorgestoßen, weiß man aber doch nicht, ob es wirklich die Lösung ist. Eine Story wie eine russische Matrjoschka: immer steckt noch etwas drinnen, wenn man glaubt, schon alles erfahren zu haben.

Eingebettet ist das alles in Joël Dickers Erinnerungen an Bernard de Fallois. Sein Verleger und Freund ist im Jänner 2018 verstorben, dieser Roman damit auch eine Würdigung und ein Nachruf. Um diese Erinnerung und den Roman herum entsteht das Buch. Während man es liest, wird es geschrieben, bzw. liest man es, während es geschrieben wird. Das bringt es mit sich, dass man oft, gerade wenn die Spannung wieder ansteigt, herausgerissen wird, weil Joël vielleicht gerade mit Scarlett zun Essen verabredet ist.

Roman Nr. 4 von Joël Dicker; ganz anders aufgebaut aus die Vorgänger, nur eines hat er mit den anderen gemeinsam: Fans von Spannung und von gut konstruierten Thrillern kommen voll und ganz auf ihre Rechnung!




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