Buchbesprechung/Rezension:

Ursula März: Verfehlungen und Verbrechen
True-Crime-Geschichten

Verfehlungen und Verbrechen
verfasst am 09.12.2023 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Kriminalromane, März, Ursula
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Dass unsere Gerichte bisweilen hilflos überlastet sind, das hören und lesen wir immer wieder. Von den Fällen und Verhandlungen, die interessant genug sind, um es in die Medien schaffen, kann das nicht kommen – so viele sind das nicht.

Es sind vielmehr die vielen kleinen Verfahren, in denen die Vergehen und Straftaten des Alltages verhandelt werden. Die sich andauernd um uns herum, meistens ohne, dass wir sie bemerken, ereignen.

Von solchen Fällen und den Menschen, die dafür sie verantwortlich oder davon betroffen sind, schreibt Ursula März. Aber auch das Umfeld von Opfern und Tätern gehört zu einem Gerichtsverfahren. Wie Familienangehörige damit umgehen, wenn einer der Ihren angeklagt ist, kann mitunter auch für sie als Unbeteiligte weitreichende Folgen haben.

Ein Ausschnitt aus der unüberschaubaren Menge an Gründen, Wegen und Ereignissen, die einen Menschen vor Gericht bringen. Es sind Menschen darunter, deren Leben zielgerichtet dorthin führte, andere merkten lange gar nicht, wohin sie unterwegs waren und andere tritt es in einem einzigen Moment. Dort trifft man sie alle, die hauptberuflichen Gangstern, die am Leben und ihrem Umfeld gescheiterten Männer und Frauen, die Leichtgläubigen, die Verliebten und Enttäuschten. Menschen, die durch Krankheit oder Ruin oder (familiäre) Verhältnisse, die wir uns gar nicht vorstellen können, aus der Gesellschaft herauskatapultiert wurden.

Es sind Berichte jeweils nur über ein paar Seiten, aber die reichen aus, einen umfassenden Einblick zu gewinnen. Man liest nicht in alle Fakten, dafür reicht der Platz nicht, aber alles über die Beweggründe, die Emotionen, die Nachwirkungen. So verbindet die Autorin die trockenen Prozessakten in für mich wirklich in beeindruckender Weise mit den betroffenen Menschen. Man kann quasi am Geschehen teilhaben, blickt in tiefe und dunkle Abgründe.

Nachzulesen sind Beispiele dafür, wie aus unbedeutenden Meinungsverschiedenheiten plötzlich Auseinandersetzungen über Grundsätze werden, wie Illusionen zu Wahnvorstellungen werden, Liebe zu Obsession wird, wie sich Wut aufstaut, bis sie ausbricht oder wie die Unsicherheit und Angst der Menschen skrupellos ausgenutzt wird. Diese kurzen Geschichten sind zusammengenommen so etwas wie ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Ursula März beschreibt, wie Täter zu Tätern werden, welche Lebensumstände diese Frauen und Männer dazu brachte zu betrügen, zu morden, zu stehlen oder über die Maßen zu streiten, bis alles eskaliert. Es geht ihr aber nicht um Rechtfertigung, nein, das in keiner Weise, ganz im Gegenteil erfährt man einiges über die Nischen in unserer Gesellschaft, in denen solches entstehen kann und permanent entsteht.

Das ganze Buch liest sich wie eine sehe abwechslungsreiche Sammlung gut gelungener, lebensnaher Kurzgeschichten. Es konnte auch reine Fiktion sein, dabei ist alles wahr!

Wirklich beeindruckend gefunden habe ich die perfekt gelungene Zusammenführung der Tatsachen mit den je nach Fall emotionalen, kulturellen, sozialen Hintergründen; das lässt einen das Geschehen wirklich hautnah miterleben (und mitfühlen) und ein wenig nachvollziehen, wie sich solche Charaktere formen. 




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