Buchbesprechung/Rezension:

Margaret Atwood: Der Report der Magd


verfasst am 11.12.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Atwood, Margaret, Science Fiction
LiteraturBlog Bewertung:

Von Verwirrung über Unglauben bis zum Ringen um Fassung in wenigen Seiten: „Der Report der Magd“ ist ein Roman zwischen Science Fiction, düsterer Prophezeiung und erschreckendem Realismus. Ausgehend vom Jahr 1985, in dem das Buch im Original erschien, findet man darin Szenarien, von denen man damals aus der Geschichte wusste, genauso wie Szenarien, die sich in beinahe prophetischer Vorausschau, seither zugetragen haben.

Alles ereignet sich in der Republik Gilead. Ein Staat, der sich auf dem Staatsgebiet der ehemaligen Vereinigten Staaten bildete, als in einer perfekt abgestimmten Aktion, alle gewählten Organe der USA eliminiert wurden. Danach kam zunächst eine Notstandsregierung an die Schaltstellen der Macht, die unter dem Deckmantel der Sicherheit und der angeblich noch immer drohenden Gefahr,  schrittweise die Freiheiten beschränkte.

Es entstand ein Kastensystem, in dem die Frauen vollkommen entrechtet wurden, in dem eine kleine Clique über alles bestimmte. Eine kleine Clique, die Regeln aufstellte, deren Mitglieder sich aber selbst meist nicht daran gebunden fühlten.

Was da nicht alles hineinspielt: die Gewaltexzesse in der Zeit der Französischen Revolution, die Inquisition im Mittelalter, die Nazizeit in Deutschland, Stalins und Mao Massenmorde, die Kreuzzüge, der Eiserne Vorhang. Das und vieles mehr aus der Vergangenheit des Buches findet sich in den Erzählungen wider.

Erzählerin ist die „Magd“ Desfred, die sich noch an die Zeit erinnern kann, bevor die Freiheit verschwand. Wie dann sie selbst und alle Frauen entrechtet wurde, wie niemand mehr über sein Leben bestimmen konnte. Als „Magd“ ist sie nun Dienerin in einer Familie aus dem Führungskreis und hat nur eine einzige Aufgabe: anstatt der Hausherrin, die selbst keine Kinder mehr bekommen kann, den Nachwuchs auf die Welt zu bringen. Alles ist in Rituale gefasst, jeder Tag, jede Handlung, bis hin zum Akt der Befruchtung, bei der der Hausherr in einem gefühllosen Geschlechtsakt seiner Pflicht nachkommt und den Desfred ebenso gefühllos über sich ergehen zu lassen hat.

Es wären schon genug der historischen Beispiele aus der Vergangenheit, die ihren Niederschlag in diesem Roman finden. Doch – jetzt, 35 Jahre später, wissen wir es – sind alle diese Vorgänge keine überwundenen Auswüchse, sondern finden in unterschiedlicher Ausprägung noch immer statt. Ob es die IS-Verbrecher in Syrien und im Irak sind, die barbarischen Regimes im Nahen Osten oder, in „milderer“ Form, die neu entstandenen „illiberalen“ Demokratien: Nichts ist Vergangenheit, alles, was Menschen sich an Gewalt und Unterdrückung ausdenken können, findet noch immer statt.

Eine besondere Wendung erhält der Roman dadurch, dass sich, viele Jahrzehnte nach den beschriebenen Ereignissen, Historiker mit dieser Zeit befassen. Der „Report der Magd“ wurde als Sammlung von Tonbändern versteckt in einer Kiste gefunden und ist für diese zukünftigen Historiker eine Quelle für die Entschlüsselung der Vergangenheit und der Hintergründe in der Republik Gilead. Wer war Desfred, wer war ihr Hausherr, der „Kommandant“, wer war dessen Ehefrau. Wie dieses zukünftige Zeitalter aussieht, das erfährt man aber nicht.

Es ist kaum zu glauben, wie düster eine Welt sein kann, wie sehr man sich hineingezogen fühlen kann. Margaret Atwood packt die Leserinnen und Leser mit der ersten Zeile und lässt niemanden los, bis man zu Ende gelesen hat. Das Buch ist dabei kein „Pageturner“, sondern schafft es, einen in diese Republik Gilead hineinzuversetzen.

Ist man erst einmal im Buch angekommen, wird eines einen nicht mehr loslassen.




Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top