Buchbesprechung/Rezension:

Margaret Atwood: Die Zeuginnen


verfasst am 26.12.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Atwood, Margaret, Science Fiction
LiteraturBlog Bewertung:

Wenn die Fortsetzung 35 Jahre nach dem ersten Teil geschrieben und veröffentlicht wird, dann wird die Erinnerung an den 1985 erschienen Roman „Der Report der Magd“ bei jenen wohl verblasst sein, die das Buch damals gelesen haben.

Ich lese beide Roman knapp hintereinander, was sehr dabei hilft in „Die Zeuginnen“ von Anfang an zu verstehen, worum es sich bei Gilead handelt und welche Verhältnisse in diesem Staat auf einem Teil des Gebietes der ehemaligen USA herrschen.

Aus den Erinnerungen und Berichten von drei Frauen:

Tante Lydia, die in der Hierarchie Gileads ganz weit oben steht; aber doch noch unter jedem Mann, denn den Frauen in Gilead steht nicht mehr zu. Im Leben vor Gilead war sie Richterin, bis die neuen Machthaber, die die Spitze des alten Staates in einem Staatsstreich völlig ausgerottet hatten, alle Frauen für recht- und besitzlos erklärten. Ihr Bericht lässt verstehen, wie die Methoden in einem autoritären Regime wirken, mit denen Menschen zur Kooperation gezwungen werden.

Agnes, die nichts anderes als die Welt Gileads kennt, in der sie aufwächst. Sie wurde mit der Ideologie der Machthaber, der selbst ernannten Lenker, von Anfang an indoktriniert. Die Rolle der Frauen, die Gebote und Verbote sind für sie ganz selbstverständlich, Zweifel daran sind kaum vorstellbar. Einzug die Unklarheit, wer ihr richtige Mutter ist, ob es Tabitha gewesen war, die sie liebte und aufzog oder eine andere, deren Schicksal unbekannt war; diese Unklarheit lässt einen Spalt frei, durch den es einen Ausblick in ein Leben gibt, abseits der unverrückbar vorgezeichneten Bahnen des Lebens einer Frau in Gilead.

Daysis Weltbild bricht an ihrem 16. Geburtstag in sich zusammen. Was sie über sich zu wissen glaubt, erweist sich als falsch. Sie wuchs mit einer erfundenen Lebensgeschichte auf, doch dies war nur zu ihrem eigenen Schutz. Sie ist eines der Kinder, die aus Gilead geschmuggelt wurden, um in einer freien Welt groß zu werden. Als die beiden Menschen, die sich als ihre Eltern betrachtete, von Agenten Gileads in die Luft gesprengt wurden und sie selbst auf der Flucht ist, erfährt sie erstmals die Wahrheit über ihre Herkunft.

Diese drei Frauen sind „Die Zeuginnen“.

Die Verhältnisse in Gilead erinnern an das, was wir aus fundamentalistischen Kirchenstaaten und aus totalitären Regimes kennen und hören. Ob eine Religionsdiktatur wie der Iran, ein Terrorregime wie der IS, eine abgeschottete Diktatur wie Nordkorea oder ein Überwachungsstaat wie Nazideutschland, Stalins Sowjetunion oder die DDR: Marget Atwood nimmt das Unfassbare als allen diesen realen Vorbildern und fasst es zu dem Staat Gilead zusammen.

Ein Staat, der sich einen quasi-religiösen Anstrich verleiht, um unter diesem Deckmantel die Frauen zu erniedrigen und zu entrechten. Es ist ein Staat, der sich – und das ist bekanntermaßen eine Methode nicht nur totalitärer Systeme – mit seinen Nachbarn im permanenten Krieg befindet, um mit Hilfe eines äußeren Feindbilds vom inneren Unrecht und Missständen abzulenken; und Gilead hat einen langen Arm, der weit in die Gebiete anderer Staaten hinein reicht; Flüchtlinge und Gegner könne sind nirgends sicher fühlen.

Man wird sich beim Lesen sich dagegen wehren können, in den Sog der Erzählung zu geraten. Zwischen Entsetzen und Zorn wird man schwanken, weil so vieles (viel zu vieles) von dem, was man liest, direkt aus der Wirklichkeit entnommen zu sein scheint. Die wie selbstverständliche Unterdrückung, die Ausbeutung der Schwachen und Wehrlosen – wer sich in der Geschichte der Menschheit umsieht, erkennt die realen Vorbilder dessen, was Margret Atwood beschreibt.

Wer in Gilead den Mut aufbringen kann und wer die richtigen Helfer findet, wird die Flucht versuchen. Selbst die drohende Hinrichtung, das unvermeidliche Schicksal jener, die aufgegriffen werden, kann dabei nicht abschrecken. So vielen Frauen gelingt es, über die Grenzen zu kommen, dass es in Gilead einen zunehmenden Kindermangel gibt.

Was Hoffnung gibt ist, dass diese Berichte alle von Gilead in der Vergangenheitsform sprechen. Dieses Gefängnis gibt es also nicht mehr. Was aber kam nach Gilead?

Blieb im ersten Roman das Regime oftmals noch diffus, als die nicht greifbare Macht im Hintergrund, so liefert dieser zweite Roman nun die fehlenden Informationen, um den Staat Gilead zu verstehen. Was man sieht, das ist ein – man kennt es von allen totalitären Regimes der Welt – korrupter Kreis, der alles zum eigenen Nutzen auslegt. Auch die scheinbar so unangreifbare Machtstruktur der Herrschenden ist beim weitem nicht so undurchdringlich, wie sie aus der Distanz wirkt. Nun, da man Einblick in die inneren Kreise bekommt, werden die Bruchstellen sichtbar.

Auch das ist jetzt ganz anders als im ersten Roman: Die Handlung führt immer sichtbarer zu einem gemeinsamen Höhepunkt zusammen und nimmt immer mehr Tempo auf. Je länger man liest, desto mehr steigt die Spannung und macht das Buch zu einem richtigen Pageturner, welches Ende dieser Roman beschreiben würde.

„Die Zeuginnen“ ist leichter lesbar als „Der Report der Magd“, es ist ein Buch, das damit auch einen viel größeren Kreis an Leserinnen und Lesern erreicht. Ein Thriller aus einer möglichen Zukunft.




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