Henry James: Washington Square

verfasst am 29.12.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: James, Henry, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

New York in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Henry James schrieb aus der Sicht der 1880er-Jahre einen Gesellschaftsroman über die Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg und öffnet damit für uns ein Fenster in die Lebensweise vor beinahe 200 Jahren.

Der allseits geachtete und geschätzte Arzt Dr. Austin Sloper lebt mit seiner Tochter Catherine in einem Haus in New York. Seine Frau starb wenige Tage nach Catherines Geburt, die Rolle der Frau des Hauses hat später Slopers Schwester Lavinia Penniman übernommen, die, selbst verwitwet, wie selbstverständlich die Erziehung und Begleitung von Catherine übernimmt. Der Vater akzeptiert dies gerne, entbindet es ihn doch von den alltäglichen Erziehungsaufgaben.

Catherine wächst heran und ist bald eine junge Frau, die man als „gute Partie“ bezeichnen würde. Nicht besonders attraktiv, kein Blickfang wie ihre Cousinen, aber von angenehmem Wesen. Man sollte ihre Erbschaft erwähnen, die sie erwarten kann. Denn Dr. Sloper hat es zu ansehnlichem Reichtum gebracht und ihm ist es bewusst, dass seine Tochter wohl nicht ihrer Schönheit wegen geliebt werden würde.

Es überrascht daher alle, dass Catherine, nun 22 Jahre alt, bei einem Empfang die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes erregt. Morris Townsend ist weit gereist, aber ganz ohne eigene finanzielle Mittel. Während Catherine sich zu Morris hingezogen fühlt, ist der Vater mehr als skeptisch, was dessen wahren Absichten betrifft. Seine Nachforschungen scheinen den ersten Eindruck zu bestätigen, dass der wahre Grund für Morris Interesse wohl finanzieller Art wäre. Ein Art Globetrotter wäre er, der während seiner Reisen sein ererbtes, bescheidenes, Vermögen durchgebracht hätte. Nun wäre er auf der Suche nach einer Beschäftigung, ansonsten aber recht ambitionslos, in New York sesshaft geworden. Ein Urteil möchte Dr. Sloper jedoch erst nach einer persönlichen Begegnung abgeben.

Catherine, solche Zuneigung und Zuwendung nicht gewohnt, nimmt hingegen Morris‘ Avancen offen und vorurteilslos an; sie kann sich gar nicht vorstellen, dass jemand ihr gegenüber unehrlich wäre.

Es findet also ein Dinner statt, zu dem neben Morris auch andere Gäste geladen sind. Hier ergibt sich nun die Gelegenheit zu einem Gespräch zwischen dem Vater und dem Verehrer. Dr. Sloper stößt sich zwar nicht an der Mittellosigkeit seines Gastes, jedoch missfallen ihm dessen offensichtliche Übertreibungen und Hang zum Erfinden von Begebenheiten – man könnte es auch ganz direkt sagen: Er hält Morris für einen selbstverliebten Aufschneider.

So bleibt es eine offene Frage, ob der Vater mit seiner Einschätzung recht behält, oder ob Catherine auf ihre Gefühle vertrauen kann und sich der junge Mann wirklich in sie verliebt hat. Tante Lavinia jedenfalls mag keine Zweifel hegen und unterstützt die Verbindung der beiden jungen Leute. Es mündet im gegenseitigen Heiratsversprechen, auch gegen den ausdrücklichen Wunsch des Vaters.

Der Vater nimmt darauf hin Catherine auf eine ausgedehnte Europareise mit, die am Ende 12 Monate dauert. Sein klares Ziel ist es, dass seine Tochter Morris vergisst. Doch das geschieht nicht. In New York macht es sich Morris während dessen im Haus am Washington Square auf Einladung Lavinias gemütlich und genießt das Leben als Dauergast des Hauses.

Die Rückkehr von Vater und Tochter führt zu einer Lage, in der sich alle rasch entscheiden müssen.

Tante Lavinia ist jedenfalls völlig auf der Seite des jungen Mannes, sie versucht mit allen Mitteln, eine Verbindung der beiden jungen Menschen zu fördern. Dass sie dabei mehr an ihre eigenen Wünsche denkt, und darüber die vielen Hinweise übersieht, die Morris‘ Vorstellungen enthüllen, ist bald zu erkennen. Während Dr. Sloper tagsüber unterwegs ist, wird Morris auf Lavinias Einladung hin zum regelmäßigen, dann schon täglichen Gast im Haus.

„Washington Square“ ist genauso als Zeitdokument wie als Gesellschaftsroman zu lesen. Henry James hinterließ mit seinem Roman ein bleibendes Porträt von Familienleben, Umgangsformen im Amerika des frühen 19. Jahrhunderts und eine zeitlose Geschichte von Liebe, Vertrauen und Enttäuschung. Ein Klassiker der US-amerikanischen Literatur, den man lesen sollte.

Die Verfilmung des Romans unter dem Titel „Die Erbin“ aus dem Jahr 1949 mit Olivia de Havilland und Montgomery Clift in den Hauptrollen habe ich zufällig erst vor ein paar Wochen gesehen. Das Drehbuch orientiert sich in den meisten Details an der Romanvorlage und ist, ebenso wie der Roman selbst, sehr zu empfehlen. Die vier Oscars (Beste Hauptdarstellerin, bestes Szenenbild, bestes Kostümdesign, beste Filmmusik) erhielt der Film im Jahr 1950 aus gutem Grund.

PS: Spannend finde ich es, neben diese Erzählung aus einem nördlichen Staat der USA die zeitgleichen Verhältnisse in anderen Weltgegenden zu stellen: in den Südstaaten genossen derweil ein paar reiche Weiße ein sorgenfreies Leben auf dem Rücken von Sklaven – „Vom Winde verweht“ mag in einer ähnlichen Zeit spielen wie „Washington Square“. Europa war ein Kontinent der Monarchien in der Ära des Vormärz: Metternich machte aus der Donaumonarchie einen Polizeistaat und die Menschen zogen sich in die Sicherheit der eigenen Wände zurück – es war die Zeit des Biedermeier. Deutschland existierte noch nicht als Nationalstaat, es gab nur die unübersehbare Menge an kleinen und großen Staaten, allen voran Preußen als größter Flächenstaat. Die Idee der Französischen Revolution führte nun, Jahrzehnte nachdem sie die alte Ordnung in Frankreich hinweggefegt hatte, zu revolutionären Bewegungen in beinahe allen Staaten des Kontinents.




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