Tillmann Bendikowski: Ein Jahr im Mittelalter
Essen und Feiern, Reisen und Kämpfen, Herrschen und Strafen, Glauben und Lieben

verfasst am 27.09.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bendikowski, Tillmann, Geschichte

Wie lief der Alltag im Mittelalter, im Verlauf eines Jahres typischerweise ab? Das Buch führt uns in die Zeit zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert, in die Zeit von Rittern und Leibeigenen, Herrschern und immer selbstbewusster werdenden Städtern, als der Übergang vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen stattfand. Und als vieles geschah oder begann, das heute noch in unterschiedlicher Form nachwirkt.

So fremd und befremdlich uns die damalige Lebensweise erscheinen mag, so ist es doch eine der Grundlagen dessen, was heute geschieht. Die Generationen des Mittelalters gaben ihr Wissen und ihre Gewohnheiten an die nächsten Generationen weiter, die veränderte oder neues hinzufügte, so lange, bis wir letztendlich in unserer Gegenwart angelangt sind. Ohne dieses so fremdartig erscheinende Mittelalter wären wir also heute nicht da, wo wir sind. Es ist natürlich positiv, dass sich auf diesem Weg so vieles geändert hat – auch wenn wir es in tausend Jahren noch immer nicht geschafft haben, alle der grundlegenden Herausforderungen zu bewältigen.

Ich halte ein Geschichtsbuch in der Hand, das wie eine überaus schwungvolle und spannungsreiche Erzählung geschrieben ist. Es umfasst zwar zwölf Monats-Kapitel, die im weiteren Sinn mit den jeweiligen Monaten und Jahreszeiten zu tun haben – tatsächlich geht es darin aber vor allem um die Dinge, die das Leben der Menschen bestimmten: Glaube, Krieg, Medizin, Essen und Trinken, Architektur, Zusammenleben, das Entstehen der Städte und das Leben darin oder, ganz einfach gesagt, wie die Mehrheit der Menschen hart daran arbeiten mussten, einfach nur zu überleben.

Im Zentrum dieser Erzählungen steht das 12. Jahrhundert, mit Ausblicken auf die beiden Jahrhunderte davor und danach ist somit über den Alltag im Hoch- und Spätmittelalter zu lesen.

Eines ist allen Kapitel gemeinsam: sie beschreiben eine Zeit, in der ein Mensch des 21. Jahrhunderts mit Sicherheit nicht gelebt haben möchte. Was für uns selbstverständlich und kaum mehr beachtet die Basis der Gesellschaft bildet, war damals nur wenigen vorbehalten oder noch gar nicht bekannt. Die willkürliche Herrschaft der Adels ließ einen großen Teil der Bevölkerung in Unfreiheit leben; eine allgemein gültige und wirksame Rechtssprechung gab es nicht; Krankheiten bedeuteten oftmals den sicheren Tod, weil Medizin in unserem modernen Sinn einfach noch nicht bekannt war; man konnte nicht einfach in den nächsten Laden gehen, um Essen zu kaufen – wer nicht vorgesorgt hatte, musste oft hungern; Frauen waren ihren Männern Untertan und vom öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen; die Kirche bestimmte den Alltag, von der Wiege bis zur Bahre; Kälte und Hitze, Tageslicht und Dunkelheit, Trockheit und Unwetter bestimmten den Tagesablauf; wer den Herrschenden in die Quere kam oder tatsächlich ein Verbrechen beging, musste mit den grausamsten Strafen rechnen (bei deren Beschreibung einem die kalten Schauer über den Rücken laufen), uvm.

Es ist ein faszinierender Blick auf vergangene Zeiten. Er relativiert dabei auch ein wenig die Begeisterung für das Rittertum und rückt das Bild vom edlen Ritter ins rechte Licht.

Wie Tillmann Bendikowski mit diesem Buch, wenn vielleicht auch nicht ganz beabsichtigt, aufzeigt, hat sich bei vielen unserer heutigen Zeitgenossen noch viel von der Einfalt und dem Aberglauben von damals erhalten. Zwar lächeln die meisten Menschen heute über den (Aber)Glauben unserer Vorfahren an Wunder, über deren Rituale, um Gott oder diesen oder jenen Heiligen wohlwollend zu stimmen; aber der Glaube einiger unserer heutigen Mitmenschen an geklopfte Heilmittelchen oder höhere Wesen in einer hohlen Erde folgt dann doch genau diesem Aberglauben des Mittelalters.

Es gibt in „Ein Jahr im Mittelalter“ eine Unmenge an faszinierenden Daten und Fakten über das Mittelalter zu erfahren. Vieles davon neu oder neu bewertet, alles in einer so schwungvollen und kurzweiligen Erzählform niedergeschrieben, die vergessen lässt, dass man hier tatsächlich das Ergebnis wissenschaftlicher Forschung liest.

Eine kleine Einschränkung, die für mich verhindert, diesem Buch die absolute beste Bewertung zu geben: beim Erzählen wird Tillmann Bendikowski stellenweise zu ausschweifend, er verplaudert sich gewissermaßen dabei, wenn er sichtlich begeistert über seine Erkenntnisse über das Mittelalter berichtet.

Das aber ändert nichts daran, dass dieses Buch es ausgezeichnet vermag, uns das Leben und den Alltag im Mittelalter verständlich zu machen.



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