Hochgatterer, Paulus: Die Süße des Lebens

Spannend. Spannend, dicht und fesselnd. Kein Wunder, daß Paulus Hochgatterer für dieses Buch im Jahr 2007 den Deutschen Krimipreis erhielt.  Vom ersten Satz an fesseln die Beschreibung der Menschen, die Atmosphäre und die Handlung, und so bleibt es  bis zum  letzten Buchstaben.

In der Kleinstadt Furth, Österreich,  gibt es alles, was man in einer solchen Kleinstadt auch anderswo findet. Neben einem Krankenhaus, einem See, Lokalen und faschistoiden Lokalpolitikern auch Verbrechen. In diesem Fall ist es ein ganz besonders verstörendes und mysteriöses Verbrechen, dessen Opfer der Großvater der kleinen Katharina wurde.

Seine Enkelin findet ihn, wie er draußen im Schnee liegt, die Arme ausgebreitet wie gekreuzigt. Gerade noch hat sie mit ihm gespielt, dann ging er aus dem Haus und nun liegt er da in der Kälte, bewegt sich nicht und sein Gesicht  scheint verschwunden zu sein. Von diesem Moment spricht das kleine Mädchen nicht mehr – hält nur noch zwei Spielsteine vom Mensch-ärgere-dich-nicht in der rechten Hand und spricht nicht.

Bevor es um die Auflösung des Falles geht, kümmert sich Hochgatterer zuerst einmal um die Charaktere: der Psychiater Raffael Horn, der Kommissar Ludwig Kovacs – das sind die Hauptpersonen im Ringen um die Lösung des Falles. Sehr oft sind es die selben Menschen, mit denen es  der  Polizist und der Arzt bei ihrer Arbeit zu tun bekommen.

Um diese beiden herum noch eine Vielzahl von KollegInnen, MitarbeiterInnen, Ehefrauen, Freundinnen, denen der Autor viel Raum gibt, um sie zu beschreiben und sie alle zu Wort kommen lässt.

Eine Person bleibt vorerst im Verborgenen, taucht hin und wieder auf, denkt mit sich selbst und dabei erfahren wir von seiner Bestimmung, von dem, was ihm sein großer Bruder aufträgt und  wie er sich selbst sieht: er ist ein Werkzeug und hat Aufträge auszuführen.

Zuletzt noch der Benediktinerpater, der seinem Leben – buchstäblich – davon läuft, und beim Laufen in der Einsamkeit des Winters  in seiner Gedankenwelt versinkt.

Es ist bereits die Hälfte des Buches gelesen, da wird nach den Ergebnissen der Gerichtsmedizin (ja, wir haben auch so etwas wie CSI in den Alpen) erst richtig klar, daß der Tod des Großvaters kein Unfall sondern ein grausamer, brutaler, gefühlloser Mord war. Und jetzt merkt man, daß alles, was bis jetzt geschrieben wurde, gar nicht so etwas wie eine etwas längere Einleitung, eine detailreiche Beschreibung der Personen war, sondern daß man sich schon längst mitten drin befindet.

Beeindruckt hat mich, wie fast nebenbei, ohne dass sich der Autor dafür in langatmigen Beschreibungen ergehen muß, die einzelnen Personen immer mehr an Gestalt und Persönlickeit gewinnen. Bei dem,was sie tun, erfahren wir wer sie sind, wie sie leben, was sie bewegt. Nicht nur das, damit wird auch gleich die ganze Stadt Furth beschrieben, die Stimmung im Winter, die Menschen, die Landschaft.

Vieles spielt sich in diesem Buch nicht als Handlung sondern als Beschreibung der Gedanken ab. Ein Blick in den Film, der im Gehirn abläuft, sozusagen. Das wirkt so real, daß es teilweise verstörend ist. Es ist verstörend, daß das Gehirn zu solchen Gedanken fähig ist und vor allem auch verstörend, daß es Menschen gibt, die in einer solchen Gedankenwelt leben. Aber es gibt sie.

Wer es noch nicht wusste: Paulus Hochgatterer ist Psychiater. Genau dieses spezifische Wissen war es wohl auch, das es ihm ermöglichte, Personen, Situationen und Reaktionen derart authentisch zu beschreiben. Ich habe es schlicht und einfach genau so geglaubt, wie er seine Hauptpersonen geschrieben hat – Menschen, die es wirklich zu geben scheint.

Spannend. Spannend, dicht und fesselnd (um es zu wiederholen)  !! Und damit sehr empfehlenswert!!

PS. (weil das bei uns in letzter Zeit so zur Tradition wurde): Zuerst wollte ich „Das Matratzenhaus“ lesen – das neue Buch von Hochgatterer. Doch dann hat Kollege Sündi mir dringend geraten, mit „Die Süße des Lebens“ zu beginnen, denn da treten die handelnden Personen erstmals auf. Das war ein sehr guter Rat, denn nun kann ich direkt zum nächsten Roman mit Horn und Kovacs übergehen.



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