Hochgatterer, Paulus: Das Matratzenhaus

verfasst am 09.04.2010 von | 2 Kommentare
Rubriken: Hochgatterer, Paulus, Kriminalromane

Alles wirkt vertraut: der Ort Furth am See, auch wenn es jetzt Frühling ist anstatt Winter wie beim letzten Mal. Raffael Horn, der Psychiater am örtlichen Krankenhaus, der sich nicht sicher ist, ob er nicht schon selbst langsam ein Fall für seine Kolleginnen wird. Seine sowohl  in der Realität und als auch nur in seinen Gedanken ausgetragenen Dispute mit der Familie. Seine PatientInnen und die Kinder, die sich in ihrer kindlichen Realität einigeln und nichts nach draußen lassen.

Es beginnt wieder das schon aus „Die Süße des Lebens“ (dem ersten Furth-Horn-Kovacs-Roman von Hochgatterer) bekannte Wechselspiel von tatsächlichen Ereignissen und den gedanklichen Monologen der Beteiligten. Wieder wirkt alles so, als ob es wirkliche, lebendige Menschen wären, die durch die Handlung wandern. Bei einigen sind die Gedanken nachvollziehbar, bei einigen verwirrend, aus  einer ganz eigenen Welt entsprungen.

Mit wenigen Worten, mit ein paar Sätzen, die sich ganz einfach in die Handlung einfügen, schafft es Hochgatterer jeden Namen zu einem lebendigen Menschen werden zu lassen. Da hat mich schon beim ersten Buch beeindruckt und das tut es jetzt wieder. Die schon von früher bekannten Personen werden noch bekannter und facettenreicher und die neu hinzugekommenen müssen einfach da sein um die Geschichte vollständig zu machen.

Vertraut ist auch Kommissar Ludwig Kovacs, dessen Leben sich anders entwickelt hat, als er gedacht hatte. Aus einer Hin- und Wieder-Bekanntschaft mit Marlene wurde in der Zwischenzeit eine Art von enger Verbundenheit, die er nach der Trennung von seiner Exfrau Yvonne weder erhofft nicht angestrebt hatte.

Und noch einen gibt es, der uns wieder begegnet: Bendediktinerpater Josef Bauer. Diesmal aber nicht nur als zwanghafter Langläufer, sondern in einer Beziehung mit einer jungen Lehrerin. Als psychisches Sicherheitsnetz sind ihm sein iPod und Bob Dylan geblieben – in dessen Musik zieht er sich nach wie vor auf der Flucht vor dem Leben um ihn herum zurück.  Was diese beiden miteinander verbindet, das lässt sich zu Beginn nur schwer bestimmen – sicher zu sein scheint nur eine Art von gegenseitiger, psychischer Abhängigkeit.

Neu, und damit auch immer mehr im Mittelpunkt des Geschehens ist das 13-jährige Mädchen aus Indien, hineinadoptiert in die Kleinstadt Furth, deren kleine Schwester Switi ebenfalls adoptiert wurde. Welches Leben  führen die Adoptiveltern, die das Mädchen nur „die Verrückte“ und „Bill“ nennt, denn Vater und Mutter würden ihr niemals in den Sinn kommen?

Langsam, fast schon unauffällig, wechselt der Buch von der Beschreibung der Menschen zu etwas, das ein Kriminalfall sein könnte. Wer ist „der, die oder das Schwarze“ von dem der 7-jährige erzählt, aber dann doch nichts darüber sagen kann, als ob er einen Eid hatte schwören müssen. Der tödliche Sturz eines Arbeiters vom Baugerüst – war es nur Unachtsamkeit, oder half doch jemand nach? Wofür sind die Fluchtwege da?

Schritt für Schritt beginnen sich die Arbeit der Polizei, des Psychiaters und die Geschichten des Mädchens und des Toten vom Gerüst zusammen zu fügen, langsam wird aus den Überlegungen und Befürchtungen immer mehr Realität.  Als Leser ist man dabei zunächst genauso ahnungslos wie die Hauptpersonen des Buches. Während man stückweise mehr erfährt, sieht man langsam, wie es weiter gehen wird, daß die Menschen und die zuerst scheinbar zusammenhanglosen Geschehnisse am Ende doch irgendwie zusammen gehören.

Trotz Polizei, Polizeiarbeit, erahnten oder tatsächlichen Verbrechen: ein Krimi im eigentlichen Sinn ist es nicht, denn im Vordergrund steht die Darstellung der Menschen, egal ob sie nun in diese „Krimihandlung“ involviert sind oder nicht. Im Sinne von fesselnder Spannung beim Lesen ist aber dann doch wieder ein Krimi, und zwar ein wirklich guter. Ingesamt weit nicht so bedrückend wie „Die Süße des Lebens“ (nicht oft, aber hin und wieder sogar ein paar kabarettreife Dialoge).

Was soll ich sagen ? Wie schnell können Sie das nächste Buch schreiben, Herr Hochgatterer?
Ja, genau – so sage ich es: Herr Hochgatterer, bitte so schnell wie möglich den nächsten Roman!



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 2 Kommentare


  • Kommentar von  elke am 06.07.2010 um 17:02 Uhr Uhr

    Hab das Buch gerade gelesen, höchst spannend, und was ist real und was irreal? Die menschlichen Abgründe, Kinder schlagen, die Ängste, Zwänge … Paulus Hochgatterer verpackt seine beruflichen Erfahrungen in einen packenden Roman, der viel Freiheit lässt um eigene Gedanken fertig zu denken…

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