Alexander Lernet-Holenia: Der Graf von Saint-German

verfasst am 09.06.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Lernet-Holenia, Alexander, Romane

Das Tagebuch des Philip Branis, sein Leben zwischen den beiden Weltkriegen – was das mit dem „Graf von Saint-German“  zu tun hat, ist unter anderem auch darin zu lesen.

Mein Resumee gleich zu Beginn: auch bei einem so großartigen Erzähler wie Lernet-Holenia kann einmal etwas daneben gehen – für mein Gefühl fällt dieses Buch darunter.

Schon bald hatte ich mich beim Lesen in den vielen Abzweigungen, Verästelungen, wenigen wichtigen und vielen weniger wichtigen Details verirrt. Denn es ist zwar augenscheinlich, dass Lernet-Holenia mit diesem Tagebuch-Roman etwas vor Augen hat, doch das erschließt sich mir bis zum Ende nur bruchstückhaft.

Ja, dieser Philip Branis, Industrieller, Erbe, dadurch unter keinem Zwang, sein Leben durch Arbeit zu finanzieren, irrt nach dem Ende der alten Ordnung, nach dem Ende des ersten Weltkrieges und der Monarchie, wie verloren durch die Tage. Seine Begegnungen mit anderen sind einerseits für ihn allesamt so bedeutend, dass er sie ungemein ausführlich und detailreich in seinen Tagebuchaufzeichungen festhält, andererseits sind sie immer so flüchtig und beiläufig, dass ihm nur Erinnerung, aber kein dauerhafter Eindruck davon bleibt.

Die beiden Jahrzehnte der Zwischenkriegszeit beginnen mit einem Mord: Branis erschlägt seinen Nebenbuhler, möchte damit nicht nur den Mann sondern auch dessen Namen von Erdboden löschen. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, das wird ihn für den Rest seines Lebens verfolgen: Branis‘ Verlobte, er wird sie bald nach der Tat heiraten, trägt das Kind des Nebenbuhlers in sich – dessen Name wird also weiter leben. Als seine Frau stirbt, kümmert sich Branis nur mit Widerwillen um das Kind, für ihn ist es nur „der Bastard“.

Es wird immer unübersichtlicher, zielloser, je weiter man beim Lesen kommt. Das mag zwar genau das Leben des Hauptakteurs charakterisieren, ist jedoch weder fesselnd noch überzeugend.

Lernet-Holenia hat damit quasi ein wirkliches Tagebuch verfasst. Was man heute erlebt, das ist meist nicht Teil eines vorgezeichneten Handelsstranges, sondern hat sich eben so im Laufe des Tages ergeben; wie sich dann morgen etwas anderes ergeben wird. So reiht sich Episode an Episode, Begegnung an Begenung und das Buch findet nicht wirklich eine Richtung, in die es sich bewegt – außer zu seinem eigenen Ende.

Zwar zieht sich im Hintergrund der langsame aber unaufhaltsame Weg des nun so kleinen Österreich zuerst in die Abhängigkeit vom großen deutschen Nachbarn bis hin zur Okkupation und Katastrophe des Nationalsozialismus ab, aber das ist nur ein dumpfes Gefühl im Leben des Philip Branis.

Branis sieht die Veränderungen, die im Land und die in den den Menschen vor sich gehen, sieht, wie imemr mehr Braunhemden die Straßen bevölkern, sieht die Gefahr und das Unheil kommen. Bis er es am Ende versäumt, rechtzeitig dieser neuen Ordnung zu entfliehen, obwohl er alle Möglichkeiten und Mittel dazu hätte; wie er so viele andere Dinge in seinem Leben versäumt hatte.

Das kann man nun auch als eigentlichen Grundgedanken Lernet-Holenias bei diesem Buch auffassen: geschrieben im Jahr 1948, schmerzen die Narben die durch den „Anschluß“ und den Krieg verursacht wurde noch sehr. Und es ist mit Sicherheit in vielen Köpfen (aber bei weitem nicht in der Mehrheit) noch sehr gegenwärtig, wie man sich von der Welle der Begeisterung für den Führer hinreißen ließ und viel zu spät den katastrophalen Fehler erkannte.

Es hat mich einige Mühe gekostet, mich durch dieses Buch zu arbeiten und ich bin froh, dass es nicht mein erstes von Lernet-Holenia ist; das hätte mich vielleicht davon abgehalten, die wirklich guten Romane dieses großen österreichischen Literaten zu lesen.



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