Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

Die erste Herausforderung: in welches Genre ordnet sich dieses Buch ein? Es sind Fakten und Fiktionen. Durchmischt, bis die Grenzen dazwischen verschwinden. Es geht um Dinge und Lebewesen, Ereignisse und Landschaften, Gebäude und Kunstwerke. Zuordnung quasi unmöglich.

So unterschiedlich wie die Themen, so unterschiedlich sind auch die Geschichten selbst: manche spannend zu lesen und voller winziger Details, aus denen ein grandioses Gesamtbild entsteht. Manche langatmig, voller überflüssiger Details, die selbst eine kurze Geschichte zu lange werden lassen. 15 Seiten umfasst jede der 12 Geschichten, manche habe ich Buchstabe für Buchstabe gelesen (und wirklich genossen), manche nur überflogen.

Kurzum: so sehr, wie dieses Buch eben zu den persönlichen Vorlieben oder Desinteressen der Leserin /des Lesers passt, so sehr werden die Bewertungen darüber in alle Richtungen gehen; von großartig bis langatmig, abwechselnd.

Wie der Titel es verspricht, ist über Verlorenes zu lesen; wie es war, als es noch existierte, wie man dessen Verlust wahrnahm, was davon an Erinnerungen, an Fragmenten bis heute übrig geblieben ist. Zusammengesetzt aus dem was bekannt ist und dem, was geschehen sein könnte. Ob das alles denn wichtig war für unsere gemeinsame Vergangenheit? Das sein dahin gestellt – wichtig genug, um davon zu erzählen war es für Judith Schalansky und nun wird man daraus nach persönlichen Vorlieben das Wichtige und das Unwichtige für sich selbst finden.

Wenn ein „Kaspischer Tiger“ im Oval einer römischen Area unter dem frenetischen Jobel des Volkes den Tod findet, so ist dies eine Erzählung über die Tage, an denen dieses Tier noch über die Erde streifte; bis zweitausend Jahre später, erst 50 Jahre ist das her, das letzte lebende Exemplar dem Menschen zum Opfer fiel. Eigene Erinnerungen an ihre Kindheit erzählt Judith Schlansky in der Geschichte „Das Schloss der von Behr“, als dem kleinen Mädchen alles noch so anders erschien, als heute der erwachsenen Frau. Von der Entdeckung und dem Verschwinden der Insel im Südpazifik ist in „Tuanaki“ zu lesen und welche Legende über ein Paradies auf Erden mit dieser Inseln nach einem Beben versank.

Den von Caspar David Friedrich in einem Gemälde verewigten „Hafen von Greifswald“ selbst gibt es, wenn auch nicht mehr so wie damals im Jahr 1820, noch immer. Wir nähern uns von der Landseite durch das Rycktal, einen der Zuflüsse entlang, erleben, sehen, riechen und hören, wie sich die Natur und die Eingriffe der Menschen die Landschaft aufteilen.

Abseits der Inhalte der Geschichten ist die Sprache selbst die wirkliche Hauptdarstellerin dieses Buches. Gelegentlich etwas zu verschlungen, sind es doch vor allem die schönen Sätze, die wunderbaren sprachlichen Wendungen, die einladen, mitzudenken und mitzufühlen.

Eine faszinierende literarische Verknüpfung von Wahrheit und Fantasie, erzählt von einer Sprach-Künstlerin für Sprach-Liebhaber.



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