Patrick Modiano: Gräser der Nacht

verfasst am 21.07.2017 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Modiano, Patrick, Romane

Die Handlung selbst tut beinahe nichts zur Sache. Es ist diese Erinnerung, die sich erst bruchstückhaft, dann dichter zu einen Blick zurück formt.

So geschrieben, dass man – so man selbst schon das Alter erreicht hat, um auf ein paar Jahrzehnte eigener Vergangenheit zugreifen zu können – dieses Zusammensetzen, dieses Suchen nach in den Tiefen des Gedächtnissen vergrabenen Bildern, selbst nachvollziehen kann.

Nun, ich habe schon einige Jahrzehnte angehäuft und war schon oft genug in der Situation, aus dem mstand einer Begegnung, einer Begebenheit, einem örtlichen Zusammentreffen heraus nach den weiteren Details dessen zu suchen, was mir in dem Augenblick als Erinnerungsfetzen rasch vorbeizog.

Hätte ich wie Jean, der Erzähler in diesem Roman, ein schwarzes Notizbuch mit so vielen hinein gekritzelten Details und Anmerkungen, hätte ich ebenso eine Akte, die mir von dem pensionierten Ermittler übergeben worde wäre, dann würde ich wohl vieles weit genauer rekonstruieren können.

So wie Jean, der versucht das einzuordnen, was vor 5 Jahrzehnten in diesem Viertel in Paris geschah. Oder was eben nicht geschah.

Denn trotz aller Mühen bleibt vieles von dem, was Jean gemeinsam mit Dennie, der geheimnisvollen, der Frau mit den vielen Namen, erlebte und sah unklar. Da gibt es das, was unzweifelhaft passierte und das, was Jean sich damals dachte und das heute die Grenze zwischen dem Realen und der Fiktion verwischt und es schier unmöglich macht, alles richtig einzuordnen.

Auch wenn die Polizei im Spiel ist, wenn es um spärlich beschriebene kriminelle Handlungen geht; auch wenn sich obskure Gestalten in Jeans Erinnerung tummeln, so ist dieser Roman kein Krimi, kein Thriller. Mäßig spannend aber übermäßig hingezogen ist man als Leser eine Zeit lang mit dem Erzähler unterwegs, teilt seine Wege durch die Erinnerung, wie er die alten Plätze besucht, wie er im Notizbuch blättert.

Dann endet der Roman und das Ende ist auch wieder keines, denn die zentrale Frage wird nicht beantwortet.

Außer: dass das Lesen und das Genießen der Sprache ein Erlebnis an sich sein kann.

PS: An der sprachlichen Perfektion hat auch die Übersetzerin Elisabet Edl sehr wesentlichen Anteil, die dafür im Jahr 2015 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.



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