Albert Camus: Der Fremde

verfasst am 05.11.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Camus, Albert, Erzählung

Mit dem Tod seiner Mutter stirbt nicht nur seine letzte Verwandte. Mit ihrem Tod verliert Meursault den einzig verbliebenen, oder überhaupt  je existenten, Faden, der ihm, weit in der Vergangenheit, Geborgenheit, der ihm Halt  gegeben hatte. Die letzte Zeit aber trieb es ihn durch sein Dasein ohne Ziel und ohne jede Ambition.

Dabei war ihm seine Mutter fremd geworden, hatte er sie im letzten Jahr vor ihrem Tod nur noch sehr selten in ihrem Heim besucht. Er wusste nichts darüber, wie sie ihr Leben eingerichtet hatte, nichts von ihren Freundschaften. Er lebte alleine in der vormals gemeinsamen Wohung und würde dies wohl auch noch lange tun. Alleine in der Wohnung, die nach dem Auszug der Mutter jegliche Wärme verloren hatte, in der er sich mehr aufhielt, aberr kaum lebte.

Der Tod der Mutter kann ihn nicht berühren, sie ist nicht mehr da, schon kurz nach dem Begräbnis hat er sie und das was sie ausgemacht haben mag, vergessen. Weil ihm alles gleichgültig ist. Die Begegnungen mit seinen Nachbarn und Freunden hinterlassen in ihm nichts Bleibendes, die Begegnung mit Frauen lässt ihn nichts mehr fühlen als kurzzeitige Freude, seine Arbeit erledigt er, weil es so sein muss, zu mehr aber ist er nicht bereit.

Der Fremde ist dann jener Mann, der am Strand zum Mordopfer wird.
Der Mörder ist Meursault, er tötet den Mann mit 5 Schüssen. Zufällig, Ungewollt, Gleichgültig. Meursault, der gleichzeitig auch selbst der Fremde bleibt, fremd sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber.

Camus‘ nüchterne, schnörkellose Sprache liefert nur Inhalte aber keine Emotionen. Fast wie ein Tagebuch lesen sich die Seiten. Verstärkt wird das natürlich auch durch die Ich-Erzählpersektive, aus der Meursault über seine Tage berichtet.

Es ist eine Kunst, so zu schreiben, dass rein gar nichts an Gefühlen beim Lesen vermittelt wird, so zu schreiben, dass vordergründig nichts von den Gedanken des Schreibers zutage tritt, wie er als Chronist, nicht als Schriftstelelr auftritt. Wie zur selben Zeit beim Leser/bei der Leserin aber all diese Gefühle sehr wohl entstehen.

Alles gleitet nur vorbei, hinterlässt kaum Spuren, lässt gleichgültig und hinterlässt nichts. Stil und Inhalt passen darin perfekt zueinander.  Das, was Camus beschreibt, wie er über die Menschen berichtet, welche Gedanken sie haben, alles das trägt er völlig frei von irgendeiner Wertung vor, überlässt es dabei der Leserin/dem Leser dies ins das eigene Weltbild einzuordnen und wie auch immer subjektiv zu bewerten.

„Am Abend holte Maria mich ab und fragte mich ob ich sie heiraten wolle. Ich antwortete ihr, das wäre mir einerlei, aber wir könnten heiraten, wenn sie es wolle.“ Ein Satz, von irgendwo aus der ersten Hälfte dieser Erzählung. Man könnte aber irgendeine beliebige Seite aufschlagen und fände in jedem beliebigen Absatz einen Satz, der vollkommen gleich in seiner Wirkung wäre.

Im zweiten Teil ändert sich der Ton und ändert sich die Atmosphäre und damit auch der Stil. Mit einem Mal scheinen auch Gefühle und Teil von Meursaults Gedanken zu werden. Der Mord wird vor Gericht verhandelt und als Zeugen werden viele der Menschen aufgerufen, mit denen er in der Zeit vor der Tat in Kontakt war. War man im ersten Teil Beobachterin/Beobachter von aussen, wird man nun zur Teilnehmerin/zum Teilnehmer im Inneren, als ob man im Gerichtssaal neben dem Angeklagten säße oder mit ihm in der Zelle.

Der Prozess endet mit einem Todesurteil. Meursault nimmt auch dieses, so wie alles zuvor, als Unabänderlichkeit seines Lebens an und beginnt, noch als Lebender, alles das, was sein Leben ausmachte, zu tilgen. Am Ende bleibt er nur sich selbst und wird in einem seltsamen Zustand der Selbstzufriedenheit sterben.

Nimmt man dazu dann das Entstehungsjahr dieser Erzählung, 1940, und bringt das damalige Weltgeschehen als umfassend dominierenden Faktor allen Lebens mit ein, dann passt vielleicht auch diese Überlegung: in einer Zeit wie dieser konnte man besser überleben .. oder gleich so: konnte man als denkender und mitfühlender Mensch nur überleben, wenn man sich der Gegenwart verschloss und rein gar nichts an Emotionen an sich heran ließ. Wie sonst sollte sollte man diese Zeit in Menschlichkeit überstehen können.


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