Hilary Mantel: Wölfe

verfasst am 06.01.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Historienromane, Mantel, Hilary

Ein historischer Roman? Opulente Szenen aus dem Mittelalter? Ein Dombau, ein Baumeister, eine Giftmischerin? Alles falsch! „Wölfe“ spielt in der Zeit von Heinrich VIII, die handelnden Personen kennen wir, wenigstens zum Teil, aus dem Geschichtsbüchern, aber abgesehen davon ist es ein Buch des 21. Jahrhunderts.

Die Geschichte ist wohl bekannt: König Heinrich VIII  ordnet dem Zwang, endlich einen männlichen Erben zu bekommen, alles unter. Staatsräson vor Moral und in der Folge wird alles in Frage gestellt, was die Welt zu Beginn des 16. Jahrhunderts zusammen hielt. Scheidung, Kirchenabspaltung.

Thomas Cromwells Aufstieg steht im Mittelpunkt, er erlebt die verwirrenden Zeiten hautnah mit und steigt immer weiter auf, bis er am Ende seinen Konkurrenten Thomas Morus aus dem Rennen schlägt. Wer der Gute und wer der Böse ist, das sei dahin gestellt, eine Einschätzung aus heutiger Sicht wird wohl jedenfalls zu problematischen Schlüssen führen.

Es ist eine Zeit, in der Aufstieg und Fall vom Wohlwollen der Herrschenden abhängen. Auch Cromwell als der scharfsinnige und -züngige, mehr und mehr rücksichtslose Aufsteiger muss sich am Ende in ein unabwendbares Schicksal fügen und endet am Galgen. Doch so weit geht es im Buch gar nicht.

Cromwell, der vom Vater geprügelte Bauernsohn, sucht sich seinen Weg zuerst auf dem Kontinent als Söldner und Händler, dann als Vertrauter von Kardinal Wolsey und steigt nach dessen Fall als Vertrauter des Königs bis dessen Stellvertreter auf. Cromwell und Thomas Morus sind die Widersacher in dieser verwirrenden Zeit, es  entwickelt sich ein Abbild der (politischen und menschlichen) Intrigen, die nur eines zum Ziel haben: Macht.

So viel zum Inhalt, den man sich auch in unzähligen wissenschaftlichen und geschichtlichen Publikationen aneignen könnte. Obwohl: geschichtlicher Hintegrund ist eigentlich gar nicht nötig, geht es doch vor allem um das tägliche Leben und Handeln der Beteiligten.

Das, was Hilary Mantel aus diesem historischen Rahmen macht, das ist dann allerdings etwas gänzlich ungewohntes. Wir wandern durch eine Welt, wie sie auch in unserer heutigen Zeit angesiedelt sein könnte. Sprache, Sprachstil und Handlungen entsprechen in vielen Aspekten dem, wie wir uns auch heute verhalten würden.

Dialoge beherrschen die Seiten, Dialoge, die sich eines Sprachschatzes der Jetztzeit bedienen, vermischt mit Wendungen von damals. Das macht es oft nicht einfach, die Konzentration zu behalten. Manchmal verliert man, dann hat man gerade ein oder zwei Zeilen zu schnell gelesen, den Überblick, wer gerade gemeint ist, muss wieder zurück, um beim Thema bleiben zu können. Immer wieder die Überlegung: wer ist „Er“, von dem gerade die Rede ist, wer wird gerade mit „Ihr“ oder „Eure“ angesprochen. Ein weiterer Stolperstein – und ich kann nicht wirklich erklären, warum – war die gewählte Erzähl-Zeit: es ist alles in der Gegenwart geschrieben

Viele Namen tauchen auf, müssen verinnerlicht werden (das umfangreiche Namensverzeichnis am Ende des Buches hat einen Sinn!) um den historischen Fortgang und deren literarische Umsetzung zu verstehen. Das Ergebnis war, dass ich den ersten Teil des Buches nicht in einem Stück durchlesen konnte – es war mir einfach zu anstrengend, immer wieder zurück blättern zu müssen, dann wieder vor, dann ans Ende, um die Namen richtig einzuordnen.

Nach jeweils ein paar Tagen Pause ging es dann immer weiter und je weiter es ging, desto mehr hatte ich mich an den Stil gewöhnt und konnte immer länger dabei bleiben. Obwohl ich nach den ersten 100 Seiten nicht daran geglaubt habe, las ich dann doch bis zum Ende.

Zusammengefasst: verwöhnt von den flüssig zu lesenden historischen Romanen von Ken Follett benötigt man einige Zeit (und vor allem auch Durchhaltewillen) um in dieses Buch hinein zu finden – und geht vor allem mit einer völlig falschen Einstellung in die „Wölfe“. Ist es einmal gelungen, dann kann die Lektüre  (nicht die Handlung, denn die kennen wir ja) spannend sein – wenn man diesen Stil mag, bzw. sich mit ihm anfreunden kann. Ob das für das Lesen eines weiteren Buches in dieser Art reicht? Nun, ich weiß nicht, aber für mich eher nicht.


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