Lukas Bärfuss: Koala

verfasst am 06.04.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Bärfuss, Lukas, Romane

KoalaManchmal kaufe ich mir ein Buch bei dessen Erwerb der kurze Klappentext und das Cover ausschlaggebend sind. Da packt mich die Neugier, das Interesse und ich beginne zu lesen. Was selten geschieht ist, dass ich mich nicht und nicht auf die Geschichte einlassen kann. So erging es mir mit diesem Roman.

Nach den ersten 80 Seiten bekam das Buch eine eigenartige Schwere. Dabei war nicht das Thema – der Suizid des Bruders des Erzählers – dafür ausschlaggebend, sondern die Form des Geschriebenen.

Der Autor – als Ich-Erzähler – kommt in seine Heimatstadt, um einen Vortrag über Kleist zu halten. Bei dieser Gelegenheit trifft er sich mit seinem Bruder, den er zuvor kaum gesehen hat. Es verbindet sie auch ganz wenig. Die Lebenswege sind zu verschieden.

Ein paar Monate später erreichen ihn die letzten Lebenszeichen seines Bruders. Der Erzähler schickt seinem Bruder an einem Sonntag eine sms und gratuliert ihm in dieser Form zum Geburtstag. Er erhält eine Kurznachricht zurück, der Bruder, 45 Jahre alt geworden, freue sich, dass er daran gedacht hat. Ein paar Tage später ist er tot. Selbstmord. Überdosis Heroin.

Auf der Suche nach den Hintergründen über den Selbstmord, beschreibt der Ich-Erzähler seinen Bruder, einen Ex-Junkie, der sich mit einer Überdosis von dieser Welt verabschiedet. Koala war sein Name in einer Pfadfindergruppe. Er beschreibt den Bruder über Attribute dieser kleinen Bären – wie Faulheit, Ablehnung eines bürgerlichen Lebens, ein eher freiwilliger Ausschluss aus dem Familienleben.

Er hätte sich einen Abschiedsbrief gewünscht. Einige Zeilen nur, um nicht selbst ergründen zu müssen, welch Ursache sich hinter dem Suizid verbirgt. Die Ungewissheit und die ausgebliebene Antwort auf seine Frage schleppt er mir sich herum, ohne eine für ihn erlösende Erklärung.

Dann spannt sich plötzlich ein Bogen über die Kolonialisierung Australiens, die Ausrottung der Ureinwohner, Jagd auf die Koalas und so ergibt das Buch etwas Rundes. Über den Koala – der auch niemals sein Terrain verlässt, sich von potentiell giftigen Eukalyptusblättern ernährt – schließt sich der Kreis zu seinem Bruder.

Und trotzdem: dem Erzähler – dem Autor selbst – der über den Selbstmord seines Bruders schreibt, gelingt es nicht, die offene Frage nach dem Warum? Wozu? zu beantworten.

Provokant stellt er die Gegenfrage: Warum seid ihr noch am Leben?



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