Jürg Schubiger: Nicht schwindelfrei

verfasst am 20.04.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Schubinger, Jürg

Paul war mal erfolgreicher Redakteur. Doch das ist vorbei. Ein Unfall? Eine Krankheit? Kein Hinweis darauf. Doch es muss etwas passiert sein. Pauls Gedächtnis weist Lücken auf. Dieser Umstand ist allerdings für sein soziales Umfeld belastender als für ihn selbst. Immerhin weiß er noch, dass nachts alle Katzen schwarz sind.

Pauls Ärzte sprechen von Besserung, Fortschritte macht er. Er soll mal schlimm um ihn gestanden haben. Konnte nur liegen, nicht sitzen, sich weder aufrichten noch seinen Körper durchstrecken. Doch eines Tages ging ein Ruck durch seinen Körper, er spürte seine Gliedmaßen wieder. Dann begann Paul mit einem Training, Schritt für Schritt brachte er seinen Körper wieder in Gang. Ein Gedanke schwirrt Paul durch des Kopf: Es musste ein tollkühner, ein unverfrorener Mensch gewesen sein, der den aufrechten Gang erfunden hat.

Doch die Gedankenlücken bleiben, Seine Erinnerung ist nicht verdunkelt oder erloschen, höchstens ein wenig defekt. Pauls Frau Marion und sein Sohn versuchen mit dem Umstand des Sicht-Nicht-Mehr-Verlassen-Könnens zu arrangieren. Und Paul versucht ihnen eine Verbesserung seiner Gedächtnisleistung vorzutäuschen. Er denkt sich Erinnerungslücken aus, um damit vor seiner Familie besser bestehen zu können.

Namen sind ihm entfallen, seine Lebensgeschichte ist bruchstückhaft. Doch es scheint, als ob die Erinnerungslücken eine Erleichterung für Paul sein können. Es hat manchmal was, sich nicht mehr erinnern zu können. Dass Marion ihn betrügt, verübelt er ihr – doch auch das hat er bald vergessen.

Die Ärzte sind zufrieden. Paul macht Fortschritte. Paul ist sich aber nicht sicher, viel Besserung er braucht oder erträgt. Er würde sich gerne erinnern, schreit er an einem Sonntag quer über den Tisch in Richtung seiner Familie – gern und genau würde er sich erinnern, wenn es etwas zu erinnern gäbe. Aber was bitte ist da schon gewesen? Gar nichts!

Die Gegenwart macht sein Leben aus, die Entdeckungen im Alltag im „Hier und Jetzt“. Unvoreingenommen und fast „naiv“ geht Paul durch die Welt, entdeckt sie neu, ohne Ballast der Erinnerungen.

Ein schöner Roman über die Freiheit sich nicht mehr erinnern zu müssen.



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