James Tiptree Jr.: Doktor Ain
Sämtliche Erzählungen, Band 1

So unterschiedlich die einzelnen Geschichten auch sind; auch wenn es (beinahe) keine wiederkehrenden Helden gibt: James Tiptree hat ein sehr homogenes phantastisches Universum erschaffen, in dem sich alle Geschichten zutragen, in dem alle Wesen zu Hause sind. Es ist ein Universum, in dem es (beinahe) alles gibt, in dem die Wesen gleichzeitig ungemein unterschiedlich und unglaublich ähnlich sind.

Science Fiction war schon immer meine Leidenschaft. Von Perry Rhodan, über Starwars und Startrek habe ich alles verschlungen, was Kult ist, habe von Isaac Asimov bis Larry Niven viele phantastische Romane gelesen (sehr kreatives war dabei aber auch viel Schrott).

Von James Tiptree jr. habe ich bisher jedoch weder etwas gelesen noch überhaupt etwas gewusst. Es wurde also wirklich Zeit, diese Lücke zu schließen.

Tiptree erschuf eine Welt voller absonderlicher und aussergewöhnlicher, gleichzeitig aber völlig normaler Wesen. Obwohl sie alle aus den Elementen der uns bekannten Umwelt zusammengesetzt sind, erdachte sich Tiptree eine ungemeine Vielfalt an Körperformen, Gedankenwelten oder Arten des Zusammenlebens. So weit es eben die Vorstellungskraft eines erdgebundenen Menschen zulässt. Oder etwas kürzer ausgedrückt: immer fremdartig aber oft vertraut.

Daraus entstanden Geschichten, die oft beinahe Alltägliches von Erde, so ähnlich, wie wir es hier selbst erleben könnten oder bereits erlebten, in ausserirdischem Gewand zum Inhalt haben, zB.:

  • Wenn man im Transportgewerbe arbeitet, dann schiebt man keine ruhige Kugel; heute nicht und, so steht es in Geburt eines Handlungsreisenden,  auch nicht in der Zukunft.
  • In Mama kommt nach Hause landen fremde Wesen auf der Erde, die ganz und gar dem menschlichen Ideal für Schönheit entsprechen. Abgesehen davon aber weniger schöne Eigenschaften haben.
  • Wie es sich anfühlt, wenn man unvermittelt auf der anderen Seite steht, liest man in Hilfe.
  • u.v.m.

Dann wieder gibt es viele Geschichten, die eine fremde, befremdliche Welt beschreiben. Oft verwirrend, was sich dort zuträgt, nicht Science Fiction, nur eben nicht auf dem Boden unserer Gegenwart. Damit muss man sich manchmal erst damit anfreunden(wollen), findet darin dann Ungewohntes, Unerklärliches und Unerklärtes. So als ob James Tiptree jr. das Pseudonym nur nur einer sondern vielleicht sogar mehrerer Autorinnen und Autoren sei.

Tiptrees Geschichten – jene, die sich quasi eindeutig dem SF-Genre zuordnen lassen – vermitteln mir zeitweise ein wenig von der Atmosphäre der legendären SF-Storys rund um Buck Rodgers, Flash Gordon oder – etwas später – Captain Kirks Enterprise und E.T., als bei SF eine gehörige Portion Fantasy und eine klare Gut/Böse Abgrenzung dabei war. Gleichzeitig empfinde ich die Geschichten als eine Art Verbindungsglied zur Strömung (später, ab den 1980ern, in den Kinos und im TV mit StarWars, Unheimliche Begegnung der Dritten Art oder StarTrek Next Generation populär) in der realistisch wirkende Fiktionen mit differenzierten Charakteren erschaffen wurden.

Diese Sammlung ingesamt ist ein ganz überzeugender Beleg für die Vielfalt, die Fantasie und die Breite des Genres „Science Fiction“. Da ist auch etwas für Nicht-SF-Fans dabei.


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