Robert Schindel: Der Kalte

verfasst am 04.07.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Schindel, Robert

Der KalteErst beim Lesen dieses Buches wurde mir so wirklich klar, wie nahe die 1980er doch noch zur Naziherrschaft lagen. Nur nur zeitlich sondern auch moralisch, voll von noch lebenden Opfern und Tätern. Die Opfer litten noch immer und mit Sicherheit bis ans Ende ihres Lebens, unter dem Trauma der Gefangenschaft, der Folters, der Konzentrationslager. Unter den Täter waren solche, die bereuten, solche, die für ihre Verbrechen bestraft worden waren und solche, die immer noch frei und keine Konsequenzen fürchtend leben konnten. 40 und mehr Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft.

Damals, als diese widerliche Geschichte rund um Waldheim, sein Vergessen und die „Jetzt-Erst-Recht“-Mentalität der Ewig-Gestrigen das bis dahin als reines Opfer angesehene Österreich erstmals ins Interesse der Weltöffentlichkeit rückte. Und wie das unser Land erstmals auch als Heimat der Täter bekannt machte. Damals hatte ich vieles noch nicht verstanden und gewusst (fand es nur eigenartig, dass dieser Kurt Waldheim zuvor unbeschadet UN-Generalsekretär hatte werden können).

Die zeitliche Nähe zur Nazizeit, dass damals noch hunderttausende Zeitzeugen lebten, das war mir nie so richtig bewusst. Hatte ich doch das Glück so lange nach dem Jahr 1945 geboren zu sein, dass alle offensichtlichen Spuren bereits verwischt waren. Die offensichtlichen, die anderen, die gab es noch; in jeder Strasse, in vielen Menschen.

An Robert Schindel war es, mir dies so richtig klar zu machen. Dass diese dunkle Zeit nicht so lange zurück liegt, wie es einem die Schwarz-Weiß-Dokumentationen (prägend war damals Hugo Portisch mit Österreich I, Österreich II) vorgaukeln könnten. Zu erkennen, dass ich in meinem eigenen Leben einer Vielzahl an Menschen begegnet bin, für die dies alles nicht ferne Geschichte ist sondern eigenes und prägendes Erleben war. Sobald mir dieses bewusst war, las ich „Der Kalte“ mit einem beinahe permanenten Schauer, der mir kalt über den Rücken lief.

Zu diesem Erkennen zu kommen, das macht Robert Schindel der Leserin/dem Leser vorerst nicht leicht. Wechselnde Erzähl-Perspektiven verlangen gerade zu Beginn einiges ab. Denn Schindel erklärt nicht, stellt keine Einleitung(en) voran, sondern steigt zu einem – scheinbar – beliebigen Moment ein. Worüber gesprochen wird, wer mit wem über wen spricht, worauf jemand gerade Bezug nimmt; alles bleibt unerklärt, so wie es eben auch nicht erklärt werden muss, wenn man gerade mit jemandem spricht, der die gleichen Vorkenntnisse hat. Da man diese Vorkenntnisse nicht hat, muss man Inhalte oft wie ein Puzzle zusammenfügen, auf Erklärungen warten, aus dem schon gelesenen weitere Schlüsse ziehen.

Das erfordert Aufmerksamkeit, wird aber zusehends, Seite für Seite immer mehr, zu einem ungeheuren Lese-Erlebnis.

Inhalt, historische Einbettung

Edmund Fraul ist ein Überlebender der KZs. Keiner, der sich versteckt sondern einer, der mit seinem Wissen und seiner Erinnerung hinaus geht und darüber spricht und schreibt. Er ist einer, der nicht müde wird, gegen das Vergessen und Verdrängen anzukämpfen. Genau so wie er selbst Tag für Tag, Nacht für Nacht mit seinen eigenen Erinnerungen kämpfen muss.

Wir steigen ein Ende des Jahres 1984, in die Zeit, als Fred „Alles-ist-sehr-kompliziert“ Sinowatz Bundeskanzler war und die Parteien sich für die nächste Bundespräsidentenwahl rüsteten. Die Kandidaten: Kurt Waldheim (ÖVP,  der bei der Wahl 1971 noch dem SPÖ-Kandidaten Franz Jonas unterlegen war),  Kurt Steyrer (SPÖ), Freda Meissner-Blau (Grüne) und der Altnazi Otto Scrinci. Gerade beginnen die Parteien, sich für die Wahl aufzustellen, gerade beginnt man, die Biografie der Gegner zu durchforsten.

Es ist die Zeit, in der Österreich sich noch ungestraft in der Rolle des „Ersten Opfer Hitlers“ sonnen durfte und sich am liebsten zwischen Lippizzanern, Sisi und der Trapp-Familie sah.

Mit der Kandidatur Waldheims beginnt dieses ganze Gebäude an Verdrängung und Verleugung zu bröckeln. Doch erst Jahre später wird endlich Franz Vranitzky als erster Bundeskanzler von einer Schuld Österreichs sprechen und sie anerkennen. Eine Folge dessen, was im Jahr 1984 begann. Dieses Buch erzählt davon.

Auf 100%igen Wahrheitsgehalt, auf historische Korrektheit muss man es jedoch nicht überprüfen. Es ist ein Roman, der auf realen Ereignissen und Personen basiert (und viele davon in die Handlung einbindet), vor allem aber ist es eben ein Roman. Aber bei der Wiedergabe des Gefühls, der Emotionen, der Stimmungen jener Zeit: dabei trifft er genau ins Herz.

Das Buch: ein Erlebnis

So viele Charaktere, so viele unterschiedliche Typen. Robert Schindel entwickelt sie alle mit Tiefe, mit Herz, mit Gefühlen. Alleine durch die schiere Anzahl der Personen würde man in einem herkömmlich geschriebenen Roman den Überblick verlieren. „Der Kalte“ ist aber alles mögliche, nur nicht herkömmlich.

Alle diese Menschen bekommen Profil, Kanten, Persönlichkeit. Man blickt in sie hinein und glaubt jemanden zu erkennen die/den es tatsächlich gibt (und es tummeln sich hier ja wirklich Heerscharen von, trotz Namensänderung, leicht erkennbaren bekannten Leuten aus Politik, Wirtschaft und Kunst). Das ist für mich eines der herausragenden Elemente dieses Romanes, wie Robert Schindel so vieles über so viele Menschen mit Leichtigkeit, wie selbstverständlich in den Köpfen der LeserInnen verankert. Bald sitzt man mit am Kaffeehaustisch, wandert mit durch die Strassen Wiens, wacht mit den anderen am Krankenbett, steht mit auf der Bühne, …

Robert Schindel verwebt Reales und Erfundenes zu einem so stimmigen Ganzen, dass man sicher ist, nur so, nicht anders  ist es gewesen. Humor und Ernst, Verwirrkeit und klare Momente, Freude und Trauer, Liebe und Hass: alles wie im richtigen Leben.

Ein Buch, das musste: Geschrieben werden und gelesen.

Historischer Hintergrund

PS: Vieles brachte der Autor mir damit wieder in Erinnerung, viele dieser unappetitlichen Ereignisse und Aussagen aus jener Zeit. Noch einmal, als der kleine Wolfgang Schüssel mit Jörg Haider, dem Freund der ordentlichen Beschäftigungspolitik im 3. Reich, ins Regierungsbett stieg, brachte es Österreich mit einer Art von Nazi-Renaissance zu Schlagzeilen in aller Welt.

Ich finde, jetzt ist es endlich genug und Österreich sollte sich und der Welt dauerhaft weitere Rechtsaußen-Populisten ersparen. Aber das ist leichter gesagt als getan in einem Land, in dem rechte Burschen mit Schmiss, blaue Recken und sogenannte Freiheitliche weiterhin ungeniert und weitgehend ungestraft von Meinung und Justiz Faschistisches verbreiten dürfen.


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