Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt: Die Toten, die niemand vermisst
Ein Fall für Sebastian Bergmann

Die Toten, die niemand vermisstDer Fund von sechs Leichen in einer abgelegenen Berglandschaft und die Suche nach zwei verschwundenen, aus Aghanistan stammenden Männern. Obwohl beides dazu führt, dass in der Gegenwart ermittelt und nachgeforscht wird, liegt doch die Ursache für beides einige Jahre zurück (noch haben die beiden Fälle rein gar nichts miteinander zu tun, aber da wird schon noch etwas kommen). Im einen Fall ermittelt die Polizei, im anderen macht sich ein Reporter auf die Spurensuche.

Viele Schauplätze erfordern viele Personen. Und das wiederum erfordert einige Erläuterungen und Erklärungen der Zusammenhänge. Und dann muss natürlich auch das in den ersten beiden Büchern angelesene Wissen über das Ermittlerteam der Stockholmer Reichsmordkommission wieder aufgefrischt werden.  Die Autoren nehmen sich dafür die ersten 100 Seiten lang Zeit. Ein bisschen viel für meinen Geschmack, weil daneben kaum etwas mit der Handlung weiter geht.

Und auch danach, und das ist nach den beiden hervorragenden und sehr kurzweiligen und von Anfang bis Ende spannenden ersten Büchern eine Enttäuschung, geht es auch nur schleppend dahin.

Eine wesentliche Spaß-Bremse ist die sehr breite Schilderung aller möglichen privaten Gedanken (Rückblicke, Befürchtungen, Wünsche, Tagträume,…) aller möglicher Beteiligter. Sebastian Bergmann vor allem muss für ausgiebigste Betrachtung seines Innersten herhalten. Das wird schon bald ermüdend und die mehrfache Wiederholung gleicher/ähnlicher Inhalte, nur mit anderen Worten beschrieben, trägt ganz erheblich zu vermehrter, ansteigender Langeweile bei. Ganz ehrlich, es ging mir zeitweise schon richtig auf die Nerven, dauernd von unterdrückten Vatergefühlen, wechselnden Frauenbekanntschaften, Wunsch- und/oder Wahnvorstellungen und persönlichen Enttäuschungen zu lesen.

Weil ich aber weiß, dass die beiden Autoren sehr wohl in der Lage sind, atemberaubende Spannung zu erzeugen, ging ich nach dem ersten Drittel des Buches dazu über, diese immer wieder eingeschobenen Ausflüge ins Private nur mehr quer zu lesen. Damit mir davon nicht die Freude an der Spannung genommen wird.

Solcherart neu eingestimmt, hoffte ich nun auf Schwung, Spannung, Nervenkitzel. Aber wie schon bei DÖF zu hören war: „…es kummt ned“.

Alle Beteiligten wirken mehr genervt als ambitioniert (damit meine ich Autoren UND Charaktere) und diese ewigen Psycho-Einblicke stören den Lesefluss weiterhin gewaltig. Aber ich blieb dabei und wartete nach 2 Dritteln noch immer auf die Initialzündung. Es sind nun rund 400 Seiten gelesen und in Wahrheit hat sich die Handlung kaum vom Fleck bewegt: abgesehen von ein paar Zufallsfunden bei der Spurensuche …

Und im letzten Drittel?  s.o.

Fazit:

Einerseits flüssig, gut lesbar geschrieben. Anderseits aber alles, nur kein spannender Krimi. Falls ein vierter Fall kommt, würde ich mir wünschen, dass es darin wieder um Polizeiarbeit, Spurensuche, Spannung geht und nicht um andauernde (und schon bald nur noch ermüdende) Beziehungsprobleme der Charaktere untereinander und mit sich selbst. Deshalb schaffte ich es auch nicht, etwas mehr über die Handlung zusammen zu fassen. Denn da gab es den Anfang, dann einen langen Leerlauf und dann schon die Auflösung – und die ist auch nicht besonders prickelnd.

Ich hatte mich schon auf dieses Buch gefreut, denn die beiden ersten Krimis der Reihe fand ich wirklich toll. Jetzt aber: viel zu viel Beziehungsgeschichten und viel zu wenig Handlung und Spannung. Schade.

PS: auf Seite 476 steht folgender origineller Satz, der neben gewissen sprachlichen Defiziten, das Buch ingesamt recht gut definiert: „Als das Team sich am Montag wieder zusammenfand, stellten sie fest, dass in der Zwischenzeit eigentlich nichts passiert war“. Ja. Stimmt eigentlich ganz genau. Und Dienstag auch nicht. 


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top