Don Winslow: Manhattan

verfasst am 27.06.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Thriller, Winslow, Don

ManhattanVor bald 50 Jahren wurde John F. Kennedy in Dallas erschossen. 5 Jahre davor, im Jahr 1958 spielt dieser Thriller, als Kennedy und Jacky in New York ins Zentrum einer Konspiration geraten. Genau genommen heissen die beiden Joe und Madeleine Keneally, aber dass der junge Senator Kennedy und seine Frau für diese beiden Charaktere Pate standen, ist unschwer zu erkennen.

Gemessen an seiner heutigen, extrem verkürzten Schreibweise, geht er in diesem Thriller richtig verschwenderisch mit Worten und Sätzen um; das ist das erste, was auffällt und stünde am Cover nicht „Don Winslow“ (und hätte man zur Sicherheit nicht auch noch andere Quellen  erforscht), man würde es keinesfalls für eines seiner Bücher halten. Winslow nimmt sich Zeit, die Hintergründe zu beschreiben, entwickelt sorgsam zuerst die Protagonisten und dann die Story (hin und wieder neigt der Detailreichtum leider auch zur Langatmigkeit).

Was dazu führt, dass man über Walter Withers schon eine ganze Menge weiß, bevor die ganze Sache in Schwung kommt. Withers war früher bei der CIA, ein Agenten-Ass in Europa, bevor es ihn zurück in sein geliebtes Manhattan zog. Das bedeutete Schluß mit dem Job bei der CIA, die auch damals schon behauptete, niemals innerhalb der USA tätig zu werden. (na, wers glaubt..). Sein Job bei der Detektivfirma Forbes und Forbes bringt ihn am Weihnachtsabend des Jahres 1958 zu einem Empfang bei dem Keneallys: Walter ist dort als Personenschützer für Madeleine Keneally engagiert.

Eine kurzzeitig bedrohliche Situation kann Walter mit Umsicht und Improvisationstalent zur Zufriedenenheit aller Anwesenden beruhigen. Das verschafft ihm das Vertrauen der Keneallys, von denen er kurz danach gleich mehrfach engagiert wird. Von Madeleine, weil sie befürchtet, dass eine Affäre in ihrer Jugend die anstehende Kampagne für die Präsidentschaft stören, wenn nicht sogar unmöglich könnte. Und von Joes Bruder Jimmy (als dessen reale Vorlage man ganz eindeutig Robert Kennedy erkennen kann), der Walter derart vertraut, dass er ihn nicht nur als Personenschützer sondern gleich als Mann für alle (schwierigen und unangenehmen) Fälle ins Boot holt.

Für Don Winslow ein sehr ungewöhnlicher Thriller. Dort, wo er bei seinen aktuellen Büchern immer kürzer, auslassender, wortkarger schreibt, lässt er sich in diesem Buch ausgiebig Zeit, das Geschehen zu erklären. Dort, wo in seinen aktuellen Büchern alle paar Seiten eine weitere Schießerei oder die eine oder andere Bombe die nächste Leiche ankündigt, baut er die Spannung in diesem Buch langsam fast behutsam auf. Das geht so weit, dass bis zur Hälfte des Buches tatsächlich noch nichts geschehen ist, was aus „Manhattan“ einen Thriller machen könnte.

Bis hierhin ist es mehr ein Buch über die Stadt New York, das Leben im Big Apple in den 1950ern und über den Mann, der in den kommenden 5 Jahren einen prägenden Abdruck in der Geschichte setzen wird. Es stellt sich das  Gefühl dafür ein, wie es damals war; man taucht gemeinsam mit Walter, seiner Freundin Anne und den Keneallys in das Lebensgefühl jener Zeit ein.

Man beginnt schon an einen Gesellschaftroman zu glauben, als es für Walter dann doch noch richtig eng wird. Die gerade abservierte Geliebte Keneallys liegt tot im Bett eines von Walter gebuchten Hotelzimmers und Walter selbst kommt als Mörder in frage. Was soll der der Polizei erzählen? Dass er alles für den Senator organisetre, damit der mit seiner Geliebten ungestört sein konnte? Dass er nie etwas mit dem blonden Filmsterchen (Marilyn Monroe ?) angefangen hätte? Und woher er die Frau überhaupt kannte, wenn er seine Verbindung zum Senator nicht offenlegen wollte?

Im letzten Viertel des Buches wird es mit einem Mix aus Kalter Krieg, CIA gegen FBI gegen KGB, Agenten und Doppelagenten recht spannend und flott, der einsame Held Walter Withers nimmt es mit allen auf –  ob er sich dabei nicht etwa überschätzt?

Nicht schlecht, aber auch nicht wahnsinnig toll. Ein optimaler Thriller für den Urlaub ist es aber auf jeden Fall.

PS: dies ist eine Neuauflage der im Jahr 1997 erstmals erschienenen deutschsprachigen Übersetzung von „Isle of Joy“. Bevor man sich „Manhattan“ kauft, sollte man daher im Bücherregal nachsehen, ob dort vielleicht ein Buch mit dem Titel „Manhattan Blues“, Verlag Piper, steht. Da kann man sich den Kauf sparen, denn das ist nämlich die Erstausgabe.



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