Stefan Holtkötter: Fundort Jannowitzbrücke

Schon der Titel: “Fundort Jannowitzbrücke”!. Klingt wie einer dieser legendären Krimi-Strassenfeger aus der Zeit des Schwarz/Weiß-Fernsehens in den 1960er Jahren. Jene Zeit, in der die Drehbuchautorinnen nicht krampfhaft irgendwelche seichten, optimalerweise sozialkritischen, Tatort-Fälle konstruierten, sondern als die Spannung wirklich noch im Vordergrund stand ( Gut, ich gestehe, das war jetzt böse, aber wenns doch wahr ist!).

“Fundort Jannowitzbrücke” klingt nicht nur danach, dieser Krimi ist es auch: spannend, verwirrend, authentisch.  In jeder Zeile konnte ich mir die Handlung als einen wirklichen Fall vorstellen, so realitätsnah kam mir alles vor. Dabei kann ich gar nicht auf die Schilderung der Berliner Gegenwart eingehen, da ich davon nichts weiss. Diese Realitätsnähe bezieht sich rein auf das Verbrechen, die Beteiligten, die Ermittlerinnen und Ermittler. Einen wesentlichen Unterschied aber gibt es natürlich zur 1960er Schwarz/Weiß-Krimiwelt: heutzutage ist immer ein Profiler (in Berlin heisst das Fallanalytiker) dabei, ohne so jemanden geht es ja gar nicht mehr.

Konkret: ein Serientäter hat in jüngerer Vergangenheit junge Frauen überfallen und ermordet. Sein Erkennungszeichen, das was die einzelnen Morde zu einer Mordserien werden lässt, das ist die abgeschnittene Wäscheleine, mit der der Täter seine Opfer strangulierte.

Selbst eine eigens gebildete Kommission konnte keine konkreten Spuren finden und so wurde aus dem Fall im Laufe der Zeit nur noch ein “Cold Case”, eines von vielen ungeklärten Verbrechen. Als dann eine junge Frau ermordet, erwürgt, aufgefunden wird, scheint der Täter wieder am Werk zu sein.

Je länger die Ermittlungen andauern, desto offensichtlicher werden, bei allen Gemeinsamkeiten, die Unterschiede des neues Mordes zu den älteren Verbrechen. Ist das seltsame Verhalten der Familie des Opfers nur mit Trauer zu begründen oder verbirgt sich da gar eine direkte Verwicklungen mit der Tat? Eines wird jedenfalls bald klar: die Mordserie ist noch nicht zu Ende.

Es gibt natürlich einen “Hauptdarsteller” in diesem Roman: Kommissar Michael Schöne ist ein etwas eigenbrödlerischer Typ, mit wenig Ambition, sich an das Regelwerk des Polizeialltages zu halten. Einer, der für eine in seinen Augen viel versprechende Spur auch gerne die lästigen Pflichten wie Besprechungen, Protokolle, Berichte vergisst und auch sonst eher zu spät und machmal gar nicht auftaucht. Man fragt sich hin und wieder, warum ihn sein Chef nicht schon längst gefeuert hat, erinnert sich dann aber daran, dass das bei einer staatlichen Stelle wahrscheinlich gar nicht so einfach ist. Vor allem dann, wenn der Betroffene mit seinen Ahnungen meist auf der richtigen Spur ist.

Aber es gibt auch viele weitere “Neben-Hauptdarsteller”: die Polizistin im Aussendienst, der Leiter der Sonderkommission, die Gerichtsmedizinerin, der Profiler. Stefan Holtkötter lässt sie alle mitarbeiten und alle beginnen von verschiedenen Seiten aus das Puzzle zusammenzufügen. Kein einsamer Ermittler, sondern die Anstrengung eines ganzen Teams.

Dieser Wechsel der Perspektiven und Betrachtungsweisen verschafft dem Krimi eine Dynamik, die man nicht oft zu lesen bekommt. Dabei geht es nicht vorrangig um unerträgliche Spannung, sondern um die unterschiedlichen Aspekte der Arbeit der Polizei. Nur um Missverständnissen vorzubeugen: an Spannung mangelt es dieses Krimi dabei ganz und gar nicht. Im Gegenteil gibt es Abschnitte, da möchte man so etwas wie “Achtung” oder “Pass auf”, eine Warnung, einen Hinweis rufen, so weit ist man in die Handlung hineingezogen.

Wie die Summe aus Routinearbeit, Faktenbewertung, Intuition und purem Zufall am Ende zu einem Ergebnis führt. Alles so aufbereitet, dass man meinen könnte hier die Geschichte von realen Personen bei der Klärung eines realen Verbrechens zu lesen.

Auch wenn dieser Krimi bereits im Jahr 2005 erstmals veröffentlicht wurde, zählt er doch zu meinen Top-10-Krimis des Jahres 2012, der Neuauflage bei Piper sei Dank!

PS: dieser Krimi als Grundlage für ein Film- oder TV-Drehbuch und schon hätten wir einen Strassenfeger wie aus der Zeit des Schwarz/Weiß-Fernsehens.


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