Bernhard Schlink: Der Vorleser

verfasst am 01.09.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Schlink, Bernhard

Nachkriegszeit in Deutschland, die 1950iger. Michael, gerade mal 15 Jahre, ist aufgrund einer Krankheit von der Schule vorübergehend befreit. Eines Tages bricht er auf dem Gehsteig zusammen. Eine Frau bringt ihn nachhause. Als er wieder auf die Beine kommt, will er sie besuchen und sich bei ihr bedanken. Er lernt die 36jährige Hanna Schmitz kennen und verliebt sich in sie, doch sie bleibt irgendwie unnahbar und kühl. Sie führt ihn ein in das Ausleben sexueller Begierden und bald wird er ihr Vorleser. Er schläft mit ihr, liest aus Homer und Cicero, wacht neben ihr auf und eines Tages ist sie verschwunden.

Während seines Jusstudiums trifft er Hanna im Rahmen eines Projektes wieder. Im Gerichtssaal als Angeklagte in einem Prozess. Als ehemalige KZ-Aufseherin war sie an der Ermordung vieler jüdischer Frauen beteiligt. Und das ohne jede Empathie, es war ihr Auftrag der SS, ihre Aufgabe, zu der sie sich freiwillig gemeldet hat.

Im Verlauf des Prozesses sitzt sie mit hängenden Schultern auf der Anklagebank. Nur manchmal beantwortet sie die Frage des Richters nach dem „Warum?“ mit einer Gegenfrage: „Was hätten Sie getan?“

Hanna belastet sich in allen Anklagepunkten, auch dahingehend, dass sie die Protokolle über die Deportationen der Frauen und Kinder ins Konzentrationslager verfasst hat. Michael Berg erkennt, dass seine ehemalige Geliebte, seine erste große Liebe, Analphabetin ist. Doch die Scham über die Grausamkeit der Taten hindert ihn daran, dies bei Gericht einzubringen.

Hanna wird zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Die größte Kränkung in ihrem Leben, weder Lesen noch Schreiben zu können, bringt es mit sich, dass sie alle Schuld auf sich lädt und die Mittäterinnen glimpflich davon kommen.

Während Hanna in Haft ist, beginnt Michael Berg Tonbandkassetten zu besprechen und schickt diese in die Justizanstalt. So wird er wieder Hannas Vorleser. Manchmal kommt als Antwort eine kleine handgeschriebene Zeile von ihr zurück. Er selbst schreibt ihr nie, besucht sie auch nicht.

Als Hanna begnadigt wird, ist Michael die einzige Bezugsperson in ihrem Leben und wird von der Gefängnisleitung angefragt, ob er für Hannas Leben nach der Haft Arbeit und Wohnung beschaffen könnte. Das macht er auch. Doch sie bezieht nie die Wohnung…

Ein tolles Buch, in dem der Autor der Frage nach persönlicher Schuld an Nazi-Verbrechen nachgeht und auch jener einer ganzen Nation. Die Themen aber sind allerdings noch vielfältiger. Es geht um Dissoziation, Empathie, Analphabetismus, der  sexuellen Beziehung eines ungleichen Paares, die strafrechtlich betrachtet ebenso prekär ist. Und all das verbindet Bernhard Schlink in diesem Roman in wunderschöner Sprache. Ohne Moralkeule schreibt er über eine schuldig gewordene Frau und in mir selbst bleiben einige Fragen offen…



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