Kathrine Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

So wenige Seiten und so viel wird damit gesagt. Und alles aus der Sicht einer Zeit heraus, in der es so leicht war, nichts zu wissen. Es geht um nur ein paar Monate zwischen den Jahren 1932 und 1934, in denen sich alles für immer veränderte. Freunde wurden zu Feinden, Menschen wurden zu Bestien, vor dem Hass konnten sich nur wenige verschließen.

Es ist der (fiktive) Briefwechsel zweier Freunde und Geschäftspartner. Der eine, Jude, blieb in San Francisco, der andere, kehrte nach vielen Jahren in Kalifornien in seine Heimat Deutschland zurück. Es ist der Vorabend der Machtergreifung der Nazis.

Liest man zunächst noch von der tiefen Freundschaft der beiden Männer, so wandelt sich dies in den folgenden Monaten dramatisch. Während der in San Francisco verbliebene Max Eisenstein immer angstvoller, aber auch ratloser den Nachrichten aus Deutschland gegenüber steht, wird aus dem weltoffenen Martin Schulse schon bald ein fanatischer Mitläufer und Unterstützer des Naziregimes.

Jede Menschlichkeit verliert sich, sie wird durch Gleichgültigkeit gegenüber anderen ersetzt. Der Hass gegenüber Andersdenkenden und Andersgläubigen nimmt nicht nur deren Tod in Kauf sondern sieht darin eine unabdingbare Notwendigkeit. Und Max Eisenstein, weit entfernt in den USA, verzweifelt währenddessen immer mehr.

So überzeugend, so aufwühlend, ohne dabei die Greuel im Detail zu erwähnen. Alles, was damals geschah kennen wir und erinnern uns beim Lesen an unser Wissen. Und als dieses Wissen beim Lesen immer wieder präsent wurde, erfasst mich mehrmals selber wieder dieser unbändigen Zorn auf all diese braunen Verbrecher, die Millionen umbrachten.

Ich kenne kein anderes Buch, das mit so wenigen Worten und dabei so eindringlich die Unmenschlichkeit und die Verbohrtheit der Menschen jener Zeit schildert. Und dann, fast wie in einem Thriller, gelingt es, ein wenig Gerechtigkeit zurück zu gewinnen, indem Eisenstein einen Weg findet, damit sich das Terrornetzwerk der Verbrecher gegen Schulse selbst wendet.

(Doch man möge nun nicht nur die Vergangenheit im Auge haben:  vieles von dem, was in den Briefen geschrieben wird, muss man noch heute von Neo- und Altnazis hören – sei es in Österreich oder in Deutschland. Und von religiösen Fanatikern aller Richtungen, die sich ebenfalls solcher Propaganda-Phrasen und Tiraden bedienen.)

Die Autorin Kathrine Kressmann Taylor war Werbetexterin von Beruf. Ihr literarisches Werk umfasst nur wenig mehr als diese 68-seitige Aufarbeitung von Briefen, doch diese zählt wie 1.000e Buchseiten. Wie sie selbst berichtete, basierte all dies auf tatsächlich geschriebenen Briefen. Die Erstveröffentlichtung erfolgte 1938 in der Zeitschrift „Story“ in New York. Aufgrund des überwältigenden Erfolges wurden die Briefe im Jahr 1939 in Buchform veröffentlicht und sofort zum Bestseller. Erst im Jahr 2000 gelangte dieses Werk in den deutschsprachigen Raum. 

Ich bin wirklich tief beeindruckt. Wie so wenig Buch so viel Wucht und Intensität und Wahrheit hervorbringen kann, das ist wahrhaft unglaublich.



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