Koytek & Stein: Der Posamentenhändler

Conrad Orsini geht spazieren. Stundenlang, viele Kilometer weit. Die Gegend rund um die Ringstaße in Wien ist dabei bevorzugtes Gebiet für seine Streifzüge. Jedenfalls in diesem Fall, denn der hat seinen Ausgangspunkt gleich hinter dem Volktheater, am Spittelberg.

Dort, wo einander das alte und das neue Wien sehr hautnah begegnen, dort wo es hautpsächlich niedrige Häuser gibt, höchsten 1,2 Stockwerke, dort gibt es auch die alten Geschäfte, in denen noch der Eigentümer oder die Eigentümerin selbst im Laden stehen, wo man Altwaren, Waren aller Art, und Posamenten bekommt. Kleine Geschäfte, in denen die Zeit stehen geblieben ist. Wiener Vorstadt, so wie sie vor vielleicht hundert Jahren überall ausgesehen hat, trifft in so einem Viertel auf die Moderne. Moderne bedeutet hier Immobilienhaie und ihre wenig vornehmen Verhandlungmethoden mit unerwünschten Mietern und Alt- Eigentümern (so wie man es aus dem Fernsehen und aus der Zeitung weiß).

Es stellt sich also mit einer gewissen Berechtigung die Frage, ob der Tod des alten Posamentenhändlers etwas mit diesen Methoden zu tun hat. Er war einer, der mit seinem Haus noch mitten zwischen den Baustellen für neue Bürotürme und Appartementhäuser saß und der sich nicht einschüchtern lies. Das ist nur eine mögliche Spur, die Orsini verfolgt, eine andere ist die Familie (die ist ja, wie man weiß, meist die Quelle der bösartzigsten Verbrechen.

Conrad Orsini aus der langen Reihe an Privatdetektiven, die es bei der Polizei nicht mehr ausgehalten haben: Seine Methoden sind nicht die Telefonüberwachung, Wanzen in der Stehlampe oder Bundestrojaner, seine Methode sind das Hören und Sehen. Womit wir wieder bei seinen Spaziergängen sind. Dabei lassen sich herrlich die bisher bekannten Fakten durchdenken und kombinieren und sie bringen ihn gleichzeitig auf Schusters Rappen mitten hinein in die kleinsten Winkel, die kleinsten Geschäfte, zu den gesprächigsten Nachbarn. Dort lässt es sich trefflich plaudern und zuhören und immer finden sich neue Informationen und Tipps, die ihn ein kleines Stück weiter bei seinen Ermittlungen bringen.

Es ist ein Rundgang durch Wien, dessen Route durch einen Mordfall bestimmt wird, eine Rundreise durch das Wien im Schatten der großen und berühmten Gebäude. Orsini, der über hervorragendes Schuhwerk verfügen muss, verliert sich manchmal in den kleinen Seitengassen und dann verliert man sich auch ein wenig beim Lesen. Macht aber nichts. Es wird einfach umgedreht, Orsini auf dem Absatz, man selbst mit den Gedanken und schon ist man wieder auf der richtigen Straße.

Obwohl man beim Lesen viel Zeit mit Conrad Orsini verbringt, er ist ja der Hauptdarsteller, bleibt er doch distanziert, unpersönlich, fremd. Am Ende hatte ich mir von ihm nur gemerkt, dass er 1. zu viel und zu oft trinkt (der vieviel-tausendste Literatur-Detektiv mit einem Alkoholproblem ist das eigentlich?) und er 2. zu rüpelhaftem Verhalten neigt (fremde Leute werden gerne einmal angestänkert, weil ihm gerade etwas nicht passt).

Das Buch ist ausgesprochen lesefreundlich. Es entwickelt sich eine sehr runde, schlüssige und auch interessante Geschichte, die Spannung hält sich etwas im Hintergrund, blinzelt aber immer wieder hervor. So real, so wirklichkeitsnah sich alles entwickelt, so sehr man die Wege des Conrad Orsini druch Wien mitgehen kann – der Schluss ist dann etwas konstruiert.

Insgesamt auf jeden Fall ein Debutroman, der sich sehen lassen kann, mit dem Autorenpaar Kytek & Stein werden wir, da bin ich mir fast sicher, noch einige Lesestunden verbringen!

PS: ein Krimi in und über Wien, der mit dem Krimipreis der Stadt Wien ausgezeichnet wurde – ein würdiger Preisträger!



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