Friedrich Torberg: Die Erben der Tante Jolesch

verfasst am 07.09.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Humor, Torberg, Friedrich

Sollte einem Schriftsteller die Gnade zuteil werden sein einen Bestseller zu verfassen, spürt er möglicherweise den inneren Drang oder den äußeren Zwang, eine Fortsetzung zu schreiben. Dieses Vorhaben kann von Erfolg gekrönt sein oder fürchterlich in die Hose gehen. Davon abgesehen scheint es eine wichtige Funktion zu sein, den Rubel am Rollen zu halten, wenn er sich endlich in Bewegung gesetzt hat. Selbst der große Friedrich Torberg konnte nicht widerstehen und musste die Kuh nochmals durchs Dorf treiben, so lange sie eben noch Milch gibt, um es ein wenig salopp zu formulieren.

Der Autor nimmt jedoch von vornherein seinen Kritikern den Wind aus den Segeln, indem er anstelle eines Vorworts verschiedene mögliche Verrisse publiziert. „Friedrich Torberg, dem seit seinem 1930 erschienenen Erstlingsroman ‚Der Schüler Gerber hat absolviert’ jede breitere Publikumswirkung versagt geblieben ist, bittet also die Leser seiner erfolgreichen ‚Tante Jolesch’ ein zweitesmal zur Kassa. Man merkt die Absicht und man ist von vornherein verstimmt.“

Angefressen bin ich zwar ganz und gar nicht, wenngleich doch zu vermerken ist, dass sich die humoristische Qualität des vorliegenden Buches nicht mit der „Original-Jolesch“ messen kann. Vom sprachlichen Standpunkt sind die Erben analog zu den Anekdoten der legendären Ahnfrau allerdings wieder zum auf der Zunge zergehen lassen.  

Torberg liefert anfangs Berichtigungen und Bereicherungen, Zusätzliches und Nachträgliches, sowie selbstverständlich Ergänzungen zu den Geistesgrößen dieser untergegangenen Epoche, sprich jene Begebenheiten, die im ersten Buch keinen Platz mehr fanden oder ihm erst nachträglich einfielen oder zugetragen wurden.

Beispielsweise über Karl Kraus, der in seinen Jugendjahren um die Gunst der Schauspielerin Elfriede Schopf buhlte und dies vergeblich. Nachdem der Partner von Frau Schopf (endlich) das Zeitliche segnete, sah Kraus seine Chance gekommen und meinte: “Jetzt müsste man die Schopf bei der Gelegenheit packen!“

Auch der aus dem ersten Band bereits bekannte originelle Rechtanwalt Dr. Hugo Sperber tritt  wieder in Erscheinung. Diesmal berichtet Torberg von einem Prozess, wo Sperber einen Einbrecher verteidigt, dessen Anklage sich auf eine Tasche mit Einbruchswerkzeugen stützt. „Herr Vorsitzender, ich habe ständig das zum Ehebruch erforderliche Werkzeug bei mir. Ist das ein Verdachtsmoment?“, entgegnete der Advokat nicht ohne eine Anflug von Ironie.

Wien war früher (man glaubt es kaum) auch die Stadt der großen Seelenforscher. Legendär dabei der Konflikt zwischen dem etablierten Wagner Jauregg und den revolutionären, jüngeren Psychoanalytiker wie Sigmund Freud und Alfred Adler. Bei einem Festbankett zu Ehren des Medizinnobelpreisträgers Wagner Jauregg hielten auch seine jüngeren Kollegen festliche Ansprachen.

Wagner Jauregg bedankte sich und gab dabei seiner Hoffnung Ausdruck, dass auch sie einmal den Nobelpreis zugesprochen bekommen. Dies sorgte für Überraschung, da er auf die nachfolgende Medizinergeneration nicht sehr gut zu sprechen war. Aber im anschließenden Nachsatz präzisierte er, dass er selbstverständlich jenen für Literatur gemeint habe.

Bezeichnend auch die Antwort von Wagner Jauregg, die er auf die Frage gab, ob er wissen möchte, was die Unterredung von Sigmund Freud mit einem seiner Patienten, einem besonders schwierigen Fall, zu Tage gefördert hat: „Das interessiert mich nicht was zwei Tepperte miteinander reden.“

Breiten Raum widmet der Sprachkünstler Torberg dem traurigen Kapitel der Flucht vor den Nazi-Schergen und der anschließenden Zeit der Emigration in Amerika, vornehmlich in Hollywood und New York im Kapitel „Die Zeitenwende“.

Abgerundet wird der Band mit Anekdoten über das Theater und die dazugehörigen Schauspieler, sowie den Sport – Torberg war Mitglied der österreichischen Wasserballnationalmannschaft, also ein Berufener.

Im Anhang sind noch die Nachrufe auf Hans Moser, Armin Berg, Karl Farkas, Gisela Werbezirk und Alma Mahler Werfel zu lesen. Hach, was waren das für Kapazunder und was würden wir heute alles geben für nur einen von ihnen. Alle Barbara Wussows und Harald Krassnitzers dieser Welt. Und die ganzen Fortells gibt’s selbstverständlich gratis dazu!


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top