Vargas Llosa, Mario: Tod in den Anden

verfasst am 13.08.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Vargas Llosa, Mario

Ein Land, zwei Welten. Durch Peru zieht sich eine unsichtbare Grenze zwischen Menschen. Auf der einen Seite die aus den Städten, von der Küste, auf der anderen Seite die, die oben leben in den Anden, die hinter sich jahrtausendealte Geschichte wissen, die immer schon hier waren. Die beiden Welten vernischen sich miteinander, ohne einander zu berühren.

Der Versuch, die Grenze zu überschreiten, muss fast scheitern. Doch für Korporal Lituma bietet sich keine andere Option, als die, es zu versuchen. Nach dem spurlosen Verschwinden der drei ist er auf die Hilfe der Indios angewiesen, doch sprechen kann er mit ihnen nur mit Hilfe des jungen Gendarmen Tomás, der wenigstens deren Sprache versteht. Doch auch dann, wenn sie etwas sagen entsteht dabei keine Form der wirklichen Kommunikation.

Die eigene Geschichte, die Herkunft, die Sprache. Alles Dinge, die festlegen in welcher der Welten man lebt, ob diesseits oder jenseits der Grenze. Hier der Korporal, die Polizei, die Staatsmacht, dort die Arbeiter, die Indios, die Trostlosigkeit und Einsamkeit eines Dorfes in den Anden. 

Der Polizeistückpunkt befindet sich irgendwo in unwegsamen Gebiet im Lager der Strassenarbeiter, einem ehemaligen Bergarbeiterdorf. Wie in einem Käfig leben sie,  eine Welt mitten in der anderen. Dieser Ort existiert nur mehr, weil die Strassenarbeiter Unterkunft benötigen, nach ihrem Abzug wird hier niemand mehr leben wollen.

Es nagt an den beiden Polizisten, dass sie keine Spur zu den drei Verschwundenen finden, ja es ist nicht einmal klar, ob sie tot sind, entführt, oder ob sie sich einer Miliz angeschlossen haben, die unter dem Deckmantel des linken Freiheitskampfes doch nichts als Mord und Elend verbreiten. Der Korporal und der Gendarm kommen nicht an gegen das Schweigen, will die Hintergründe kennen, niemand will etwas über das Verschwinden der drei Männer wissen.

Llosa räumt mit dem Mythos der edlen Rebellen gegen die Staatsmacht auf. Der „Leuchtender Pfad“ die linksgerichteten Terrormilizen Perus werden als das dargestellt, was sie in Wahrheit sind. Räuberbanden, die sich zusammen stehlen, was sie wollen, die töten wen sie wollen, die sich im Schutz der unwegsamen Andengebiete vor der Verfolgung verstecken.

Die Bevölkerung ist zutiefst eingeschüchtert, niemand wagt es seine Stimme zu erheben, denn es scheint sicher, dass man damit sein eigenes Todesurteil unterschreibt. Wie die Menschen, so leben auch die wenigen Polizisten in ständiger Bedrohung. Jede Nacht kann ihre letzte sein, jederzeit müssen sie damit rechnen, dass ihnen Milizionäre gegenüber stehen.

Die Geschichte dieses Buches ist in Teilen die neuzeitliche Inkarnation der altgiechischen Sage der „Ariadne auf Naxos“. Aus deren Lektüre kann man nicht nur eine Reihe von Namensähnlichkeiten mit Charaktere aus „Tod in dern Anden“ sehen, auch das Handeln zeigt viele Parallelen. Nur liefert die schaurige Erkenntnis, die die beiden Polizisten als Ergebnis ihrer Ermittlungen gewinnen, ein weit weniger romantisches Abbild der Neuzeit, als das der Welt der griechischen Götter, denn hinter dem Verschwinden der drei Männer steht der Bruch eines uralten Tabus.

Vom idealistischen, vielleicht auch verblendeten jugendlichen Kommunisten wandelte sich Llosa schon bald zu einem Menschen mit liberaler Gesinnung. „Tod in den Anden“ wurde 1993 veröffentlicht, drei Jahre nachdem Llosa sich der Wahl zum peruanischen Präsidenten stellte (und dabei Fujumori unterlag, dessen korruptes und diktatorisches Regime noch heute die Gerichte des Landes beschäftigt).

Damit hatte sich Llosa aber auch ganz klar und eindeutig von allen Strömungen abgesetzt, die den Marximus als heilsbringende Staatsform einsetzen wollen und dabei vor allem auf das Mittel der Gewalt setzen. Im Dorf Naccos, in der Abgeschiedenheit der peruansichen Anden, führte die Angst vor den Milizen zum Aufbrechen von Aberglauben, zu Anarachie. Die Angst der Menschen vor Tod, Entführung, Vergewaltiguing lässt alle Dämme brechen.

Die Sprache des Buches ist so illusionslos, klar, direkt, wie es die Natur, das Leben und der Tod im peruanischen Hochland sind. Es ist der Lauf der Dinge, der ewige Kreislauf aus Angst und Hoffnung, in dem sich die Menschen dort gefangen sehen. Und genau so schreibt Vargas Llosa darüber.

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