Philip Roth: Der menschliche Makel

verfasst am 28.12.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Roth, Philip

Am Beginn einer Serie über moderne amerikanische Klassiker beginne ich mit „Der menschliche Makel“ von Philip Roth, mit dem ihm wahrscheinlich The Great American Novel gelungen ist, die Tragikkomödie seines Landes im späten zwanzigsten Jahrhundert.

Roth, oder vielmehr Nathan Zuckerman, Roths alter ego zwischen den Buchdeckeln, erzählt die Geschichte von Coleman Silk, dem ehemaligen Dekans am Athena College in einem kleinen neuenglischen Städtchen in New Jersey. Als jüdischer Professor für klassische Sprachen und Literatur bezeichnet er in einem Seminar zwei unbekannte, permanent abwesende Studenten, als „dunkle Gestalten, die das Tageslicht scheuen“.

Als sich herausstellt, dass die beiden schwarzer Hautfarbe sind, wird der Vorwurf des Rassismus laut und Silk quittiert nach zermürbenden Streitigkeiten überraschend seinen Dienst am College und zieht sich verbittert und voller Hass auf den „schwarzen Antisemitismus“ in den Ruhestand zurück.

Zu plausibel erscheint das Bild vom jüdischen Intellektuellen, der die Schwarzen in der Öffentlichkeit verhöhnt und alle sind bereit dieser zwingenden Plausibilität bedingungslos Glauben zu schenken. Im Zuge der Auseinandersetzung verstirbt plötzlich Coleman Silks Ehefrau Iris an den Folgen eines Schlaganfalles. Dieser Schicksalsschlag steigert seinen Hass ins Wahnhafte.

Und Silk bietet weitere Angriffsflächen für die akademische Jagdgesellschaft, da er als 71-jähriger emeritierter Professor eine sexuelle Beziehung mit der 34-jährigen Putzfrau und Analphabetin Faunia Farley beginnt. Delphine Roux, eine junge akademische Karrieristin am Athena College und Silks letzte Vorgesetzte bekommt Wind von der Sache und schreibt von Eifersucht getrieben einen anonymen Drohbrief – Rassist und sexueller Ausbeuter, das charakterliche Urteil ist gefällt und unwiderruflich.

Coleman Silk sucht zwei Jahre später den Schriftsteller Nathan Zuckerman mit der Bitte auf, ein Buch über seinen Fall zu schreiben, seine Unschuld zu beweisen. Dieser lehnt nach langen Gesprächen vorerst ab. Aber auch physisch droht Coleman und Faunia Gefahr in Gestalt von Faunias Ex-Mann Lester „Les“ Farley, einem ehemaligen Vietnamkämpfer, der nie von den Schlachtfeldern aus Asien heimgekehrt ist. Psychisch vollkommen zerstört verfolgt er die beiden, beobachtet sie und es kommt zu einer ersten direkten Auseinandersetzung.Die Denunziationen ziehen immer weitere Kreise und bald ist Coleman von Freunden, Kollegen und Kindern verlassen.

Roth besticht in diesem Buch durch äußerst präzise Figurenzeichnung und vor allem bei der Schilderung von Les Farley tritt eine Aura der Aggressivität aus den Seiten hervor und erzeugt eine äußerst dichte Atmosphäre, durch beinahe schon unbarmherzige Detailtreue, also es entsteht, dass was man landläufig als Gänsehautfeeling bezeichnet.

„Er wirkte heiter und gelassen, aber das war eine Täuschung. Er hatte einen Entschluß gefaßt. Er würde den Wagen nehmen. Sie alle auslöschen, einschließlich sich selbst. Ihnen entgegenfahren, am Fluß entlang, auf der linken Seite, auf ihrer Straßenseite, an der Flußbiegung, wo die Straße eine Kurve machte.“

Der Roman ist eingebettet ins Jahr 1998, jenes Jahr, als die sogenannte Lewinskyaffäre ihren Höhepunkt erreichte und Bill Clinton an den Rande eines Amtsaus brachte. Selbsternannte geifernde Moralhyänen unter Führung des dubiosen Sonderstaatsanwalts Kenneth Starr bliesen zum Angriff auf das liberale Amerika.

Meisterlich wie Philip Roth die allgemeine gesellschaftspolitische Situation des Landes im kleinen Collegeort Athena konzentriert und damit beinahe ein Übermaß an Authentizität schafft. Nach ungefähr einem Viertel des Romans beginnen die Identitäten und das Scheinbare zu bröckeln und am Ende wird kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Denn Coleman Silk, “einer der schlauesten Selbsterfinder, die es je gab”, ist selbst als Schwarzer mit nahezu weißer Pigmentierung zur Welt gekommen.

Und weil er als Heranwachsender “nicht schwarz, nicht weiß, sondern einfach frei und er selbst” sein wollte, hat er sich in der Navy als Jude ausgegeben und seine Familie zeitlebens verleugnet. Schließlich heiratete er auch eine Jüdin und wurde der erste jüdische Professor auf seinem Lehrstuhl.

Selten nahm mich ein Buch derart gefangen wie dieses und ich nehme das Wort Meisterwerk auch nicht leichtfertig in den Mund, aber „Der menschliche Makel“ ist schlicht und einfach ein Meisterwerk. Ein Großes.

„Die Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck, Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen – der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden. Er hat nichts mit Ungehorsam zu tun. Er hat nichts mit Gnade oder Rettung oder Erlösung zu tun. Er ist in jedem. Eingeboren. Verwurzelt. Bestimmend.“


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top