Thomas Pynchon: Vineland

verfasst am 21.01.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Pynchon, Thomas, Romane

Vineland gilt allgemein als zugänglichstes Werk von Thomas Pynchon und der Titel geht auf den Namen zurück, den die wahren Entdecker Amerikas – die Wickinger – dem Kontinent gegeben haben: Vinland. Zugänglich bedeutet bei diesem Autor allerdings nicht, dass sie sich durch die knapp 500 Seiten durchfräsen, so wie sagen wir durch einen Simmel oder Konsalik.

Nein, so geht das nicht!

Es erscheint bei der Lektüre von Pynchon-Büchern immer ratsam, Hilfsmittel wie Google oder Wikipedia geöffnet zur Unterstützung und Recherche in Griffweite zu haben. Aber dann kann es schon losgehen und so viel sei verraten: es ist ein Mordsspaß – trotz oder möglicherweise gar wegen der deprimierenden Themen und dem düsteren Bild, das Mr. Pynchon vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten zeichnet.

Kurz zur Handlung: Zoyd Wheeler, ein liebenswerter Althippie, Gelegenheitsmusiker und Haschkopf, lebt mit seiner 14-jährigen Tochter Prairie, umgeben von allerlei merkwürdigen Gestalten in Vineland und geht einem beschaulichen Leben, sowie verschiedenen Geschäften nach.

Einmal jährlich springt er in Frauenkleidern vor den Kameras der Fernsehstationen durch die Panoramaglasscheibe eines Restaurants, um zu bewiesen das er nach wie vor unzurechnungsfähig ist und ein weiteres Jahr Anspruch auf Sozialhilfe hat. Doch das friedliche Leben erfährt eine empfindliche Störung als der undurchsichtige Staatsanwalt Brock Vond mit einer Sondereinsatztruppe zur Bekämpfung des Drogenmissbrauchs in Vineland einfällt und Zoyds Haus besetzt und schließlich enteignet.

Wheeler taucht unter und Prairie begleitet eine Heavy-Metal-Gruppe mit dem Namen »Billy Barf and the Vomitones« zum nächsten Auftritt, einer Mafiahochzeit in San Francisco. Aber die kleine Wheeler ist klug und vermutet, dass der Überfall irgendwie in Zusammenhang mit dem Leben ihrer Mutter Frenesi Gates steht. Diese ist von der Erdoberfläche verschwunden, als Prairie noch ein Baby war.

Prairie nimmt die Suche auf und dringt in die Vergangenheit und Geheimnisse ihrer Mutter ein. Dabei trifft sie auf ein skurilles Paar – DL, eine Ninjakämpferin und Jugendfreundin ihrer Mutter in der radikalen Studentenbewegung der Sechziger, sowie Takeshi Fumimota, der ein Büro für karmische Schadensregulierung betreibt – und mit deren Hilfe kommt sie auf die richtige Spur.

Pynchon erzählt die Geschichte Kaliforniens vom Ende der „Wilden Sechziger“ bis in die Mitte der Achtzigerjahre, als der unvergleichliche, jedoch völlig vertrottelte Ronald Reagan die Geschicke des Landes und später jene der Welt bestimmte. Soviel sei verraten: Pynchon hasste Reagan und wahrscheinlich hasst er ihn heute noch.

Mr. Pynchon holt auch immer gern ein bisschen aus und plötzlich findet man/frau sich in der Arbeiterbewegung der 30-er Jahre wieder. Der Großteil des Romans spielt im Jahr 1984 und scheint mir eine Hommage an Georg Orwell zu sein – eine von Reaganomics, Fernsehen und Shopping-Malls bestimmte Nation, in der die Bürgerrechte durch die Paranoia der Regierenden immer weiter eingeschränkt werden.

Einmal jagen sie die Kommunisten, dann kämpfen die gegen Drogen und gegenwärtig gegen Terroristen. Aber gekämpft muss immer werden, weil der Sicherheitsapparat halt gar so groß ist und beschäftigt werden will.

Vineland ist aber auch ein Familienroman der drei Generationen miteinander verbindet. Die diffizile Figurenzeichnung ist nicht so das Steckenpferd von Mr. Pynchon. Da wird nicht Piccoloflöte gespielt, nein da wird ordentlich in die Pauke gedroschen.

Aber alles fügt sich wunderbar ein in den hochkreativen Schreibstil und den sehr eigenwilligen Humor von Mr. Pynchon. Wie ein gutgelaunter Märchenerzähler, der immer noch eins draufsetzen will und dann noch eins. Bis man ein bisschen verwirrt ist.

Aber was soll’s, da muss man/frau durch.



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