Philip Roth: Nemesis

verfasst am 07.11.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Roth, Philip

Der Sommer 1944: ein Sommer wie so viele andere zuvor und doch ein Sommer, der so ganz anders ist als sonst. Es regiert die  Sommerhitze an der Ostküste der USA, in der die Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder in Feriencamps aufs Land schicken, während die Kinder der weniger gut situierten in der Stadt bleiben und ihre Zeit auf den Spielplätzen und den Strassen unter sengender Sonne verbringen.

Was in diesem Sommer fehlt, so wie auch schon in den vergangenen, das sind die jungen Männer. Sie sind bei der Armee, kämpfen im Pazifik gegen die Japaner oder in Europa gegen die Nazis.

Was hinzu kommt in diesem Sommer, das ist ein Polio-Epidemie. Immer mehr Kinder erkranken, die Angst geht um bei ihnen und ihren Eltern. Als dann zwei Kinder aus der Baseballmanschaft innerhalb von nur drei Tagen an der Kinderlähmung sterben, werden es immer weniger, die sich unter der Obhut des Sportlehrers Bucky Canton zum täglichen Spiel einfinden.

Wenn die Angst um sich greift, dann kommen auch Vorurteile, Vorverurteilungen und Panik hinzu. In einer Zeit, in der es weder eine Impfung noch eine Behandlung für Polio gab, wird alles was von aussen kommt, alles Unbekannte, alles vom Durchschnitt abweichende für schuldig erklärt. Schuld an der Ausbreitung der Krankheit, Schuld an den Todesfällen, Schuld daran, dass viele der erkrankten Kinder für den Rest ihres Lebens unter den Folgen der Krankheit zu leiden haben.

Bucky Canton ist selbst ein junger Mann und wäre zu dieser Zeit lieber bei der Armee um so wie seine Freunde für die Freiheit zu kämpfen. Seine schlechten Augen machten ihn aber untauglich für den Militärdienst und so musste  er zurück bleiben, als einer der wenigen in seinem Alter. So sehr es ihn seine Sehbehinderung belastet, so sehr kümmert er sich nun um die Kinder, die den Sommer in der Stadt verbringen.

Er ist für sie da und wird bald zu ihrem Vorbild. Das Vertrauen, die Bewunderung, die ihm seine Schützlinge entgegen bringen wird zu einer Last, als immer mehr von ihnen erkranken. Er trauert mit den Eltern der beiden verstorbenen Jungen, er lässt nichts unversucht, die Kinder zu beschützen.

Aber er ist machtlos gegen diese Krankheit. Niemand weiß, wie sie übertragen wird, was denn überhaupt der Erreger ist, niemand weiß, für wen das Risiko größer ist, wer weniger zu befürchten hat; die Medizin steht diesem unsichtbaren Feind (noch) rat- und hilfslos gegenüber.

Diese Geschichte ist berührend und ergreifend. Philip Roth schreibt keinen Roman mit einer Handlung sondern einen, der aus einer Vielzahl an Eindrücken besteht. Natürlich, alles spielt sich an einem bestimmten Ort, Newark, ab, die Zeit vergeht und Dinge geschehen, während Bucky Cantor damit beschäftigt ist, das Richtige zu tun. Aber eine Handlung im engeren, im eigentlichen Sinn wird daraus nicht.

Das fehlt aber auch nicht.
Gar nichts fehlt in diesem Roman.

Er ist ein wunderbares und ein trauriges Lesebuch, ein Buch für das stille Lesen und für das in Gedanken versunkene Lesen, ein Buch für alle, die sich an der großartigen Sprache erfreuen können. Ein Buch über einen Lebensweg, der so viel mehr versprochen hatte, als er am Ende halten konnte. Ein Buch über einen Menschen und über sein Scheitern an seinen Ansprüchen.

Bucky Cantor verliert nicht nur den Kampf gegen die Erkrankung vieler Jugendlicher. Zuerst bedrängen ihn die Gedanken an die Erkrankten und Toten; dann verliert er den Kampf auch für sich selbst und erkrankt an der Kinderlähmung. Nie wieder wird er der starke, der atlethische Mann sein können, der er davor war. Und damit verliert er auch seine Liebe, weil er es nicht zulassen kann, jemandem zur Last zu fallen. Er muss sich in sein eigenes Leben zurückziehen, weil ihm die Krankheit seine ganze Stärke und Vitalität, alles das, was ihn selbst ausmachte, genommen hat.

Philip Roth bezeichnet diesen Roman als den letzten, den er in seinem Leben schreiben würde, nun wäre es genug, sein Werk abgeschlossen. Für ihn selbst sicherlich die richtige Entscheidung. Als Leser wird mir jedoch ein wahrhaft genial schreibender Autor genommen und es bleibt aber immerhin, sich seine bereits veröffentlichten Romane, einen nach dem anderen, vorzunehmen.


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