Aichner, Bernhard : Die Schöne und der Tod

verfasst am 17.09.2010 von | 1 Kommentar
Rubriken: Aichner, Bernhard, Kriminalromane

Max, der nicht Journalist wurde sondern Totengräber, der Nachfolger seines Vaters. Emma, Max‘ Ex-Freundin, Ex in seinem Leben aber immer noch in seinem Kopf. Baroni, der in die Welt hinaus ging, Fussballstar wurde und wieder zurück kam. Und jetzt mit Max befreundet.

Und Marga, Emmas Schwester, die schöne Marga, Model, dann Absturz, Selbstmordversuch – der erste – dann verliebt bei „Bauer sucht Frau“. Aber jetzt ist Marga tot. Zuerst nur tot und dann tot und verschwunden. Die Besetzungsliste ist noch länger, aber diese vier spielen die Hauptrollen. Und Tilda, Max‘ Stiefmutter und Chefinspektorin bei der Polizei, ja die kann man auch noch in diese Kategorie reihen.

Wer „Six Feet Under“ gesehen hat, könnte beim Lesen leicht auf einen anderen Titel für dieses Buch kommen: „Sixty Feet Under“ – skurriler, schwärzer, tiefgründiger, abwegiger. Das Drehbuch, also das Buch, liest sich wie eine ganze neue Fernsehserie, die Chancen auf einen Emmy Award hat. Mit Dialogen, knapp, keine Satzzeichen, aber wenn man sie sich selbst laut vorliest, dann weiß man – ja, so sprechen die Menschen, ja so sprechen Max, Baroni, Tilda, Emma und all die anderen.

Mit Sätzen, die die Handlung wie aus einer imaginären Ich-Erzähler-Position schildern – jemand steht daneben oder darüber und erzählt alles, was gerade passiert, so liest es sich zumindest an. Ungewöhnlich geschrieben, Stil und Story passen da perfekt zueinander. Auf den ersten Seiten muss man sich darauf einstellen, dann wird es immer flüssiger, leichter zu Lesen und das Lesetempo kann sich dem Tempo des Geschehens anpassen.

Der Vorspann, der ein Blick in eine noch unbekannte Zukunft ist (Standbild, Klick). Das Intro, als Max und Baroni zusammen sitzen, auf der Terrasse, und die Sonne wärmt, als ob es Sommer wäre. Das Unerwartete, als Emma anruft: Marga ist tot, Selbstmord – Max, der Ex und Totengräber soll sie unter die Erde bringen. Der Auftritt, als Emma ankommt, aus Wien, dort wo Marga lebte, eigentlich aber aus London, dort wo Emma arbeitet. Die dramatische Wendung, als Margas Leichnam verschwunden ist.

Das Stakkato, der Tag des Begräbnisses – Fotografen, viele Menschen am Sarg des Models, des Stars aus „Bauer sucht Frau“ und ein Eklat, ein Zusammenbruch, ein medienwirksamer dazu. Und dann, nur weil Max nicht aufpasste, nur weil er es nicht gleich vermisste, ist es ein verlorenes Erbstück des Vaters, das dafür sorgt, dass es überhaupt erst heraus kommt. Heraus kommt, dass Marga gar nicht mehr da liegt in ihrem frischen Grab. Und wie zu der Entführung einer Leiche auch noch ein Mord dazu kommt.

Dann – etwas später und die Hintergrundmusik wird dramatisch – kommt der Auftritt eines weiteren Hauptdarstellers: der war immer schon da, hat einfach so mitgespielt, doch wer hätte ihm eine Hauptrolle zugetraut? Geglaubt, dass er … oder doch sie?

Davor aber noch drei weitere „Sixty Feet Under“ – Attribute dazu: rätselhaft, spannend, schräg. In die Kategorie ’schräg‘ gehört wohl auch dieser Satz, den Dorfpfarrer Stein zu hören bekommt: „sie wissen ja, wie die Frauen sind.“

Ein Krimi anderer Art, zu Beginn etwas fremd, dann logisch, weil Stil und Handlung zusammen gehören und das Buch gelesen!

PS: Ja, Wolf Haas ist nicht mehr alleine mit unvollendeten, manchmal verb-losen Halbsätzen, die man selbst vervollständigen muss. Die hätte er sich früher patentieren lassen sollen, jetzt ist es zu spät.

PPS: Nein, Aichners Sätze sind keineswegs von Haas abgeschaut, beide haben ihrem gänzlich unterschiedlichen, Stil – und damit doch etwas Gemeinsames. Apropos Stil: wie ist der Fachbegriff für Sätze, die mit „Wie“ anfangen und doch keine Frage sind?



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  • Kommentar von  Sündi am 06.10.2010 um 12:06 Uhr Uhr

    Wow!
    Verzeihung wegen des eher profanen Ausrufs am Beginn, aber er charakterisiert diesen „Provinzkrimi“ auf gar vortreffliche Weise.
    Ein sehr stimmiges Werk. Die Geschichte, die Protagonisten und vor allem die knappe Sprache mit den bühnenreifen Dialogpassagen, das geht runter wie nichts.

    Beispiel gefällig?
    „Panik kommt in ihm auf, etwas stimmt nicht, der Sarg ist zu leicht. Max hat keine Erklärung für das, was passiert, er reißt den Deckel nach oben, Emma hält sich die Augen zu. Max steht neben ihr und starrt. Marga ist nicht mehr da, keine Leiche im Sarg. Emma dreht sich zu ihm um, sieht, was er sieht.
    Kein abgemagerter Körper, nichts.“

    Auch an der Klischeetube wird ordentlich gedrückt – Totengräber Broll zerrissen und tiefgründig, Fotomodell Marga magersüchtig und depressiv, Landwirt August verstockt und abgründig, Ex-Freundin Emma leicht entflammbar und Modeschöpferin in London, oder Busenfreund Baroni, ehemaliger Profifußballer und stets gut gelaunt, der mich unweigerlich an den legendären Toni Polster („Sie sind ein Blitzgneisser“) erinnert.

    Aber das stört nicht, im Gegenteil und schließlich soll das ja auch hin und wieder wirklich vorkommen.
    „Die Schöne und der Tod“ ist eine wunderbare Symbiose aus Nekrophilie und Melancholie und für alle Anhänger des Morbiden eigentlich ein Muss!

    Übrigens eine ausgezeichnete Rezension, das muss auch einmal gesagt werden!

    PS an Andreas: Modalsätze nennt man die Dinger.

    PPS: Muss mich der Frage von Elke anschließen: wann liest du all diese Bücher? Oder lässt du etwa gar schon Lesen? Wie viele Mitarbeiter hast du schon? Referieren die dann oder bekommst du ein Exzerpt?

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