Reichlin, Linus: Die Sehnsucht der Atome

verfasst am 19.08.2010 von | 1 Kommentar
Rubriken: Kriminalromane, Reichlin, Linus

Noch fünf Tage bis zur Frühpensionierung, im verregneten Brügge gehen nicht einmal die Verbrecher vor die Türe – alles deutet auf ein langweiliges Ende von Inspektor Hannes Jensens Tätigkeit als Polizist hin.

Was soll daran schon der betrunkene Amerikaner ändern, der im Büro auftaucht, der behauptet, seine Leben wäre in Gefahr? Jensen nimmt sich der Sache an, fährt mit ins Hotel und kann diesen Touristen namens Ritter nicht leiden. Ein Alkoholiker, der seine beiden Kinder im Hotel sichtlich vernachlässigt und von diesen gehasst wird, insgesamt nicht mehr als einen kurzen Bericht wert. Nur die beiden Söhne liegen Jensen am Herzen, doch das ist, so scheint es, kein Fall für die Polizei, sondern mehr ein privates Anliegen von ihm selbst.

Am Tag darauf ändert sich dann doch alles: Ritter ist tot, gestorben unter sehr merkwürdigen Umständen, die selbst die Pathologen nicht klären können. Die beiden elfjährigen Buben sind verschwunden und Jensen hat in den letzten Tagen seines Arbeitslebens den Vorwurf der Nachlässigkeit und damit seinen Vorgesetzten am Hals, der endlich ein Grund gefunden zu haben glaubt, dem Deutschen im belgischen Polizeidienst ein unrühmliches Dienstende bescheren zu können.

Merkwürdig ist auch der Besuch, den Jensen abends bekommt: Annick O’Hara, die ihn ausfindig machte, weil ihr der Name des Toten bekannt ist. Aus unterschiedlichen Gründen finden beide sich schon am nächsten Tag im selben Flugzeug nach Phoenix, Arizona. O’Hara, weil sie über die Spur Ritter mehr über die letzten Tage ihres vor zwei Jahren verstorbenen Mannes erfahren will. Jensen, weil er die beiden Kinder finden muß, zu sehr bedrückt ihn der Gedanke, dass die beiden mit dem Tod ihres Vaters zu tun haben. Gemeinsam tauchen sie in die düstere Athmosphäre des kleinen Ortes Holbrook ein, auf der Suche nach der Mutter, dem Kindermädchen und dem Verbleib der Kinder.

Die Leidenschaft Jensens ist die Physik, die Quantenphysik um genau zu sein,  und damit will er sich in seinem Ruhestand in aller Ruhe beschäftigen. Mit 50 Jahren und genügend Geld in Reserve kann er es sich leisten, auch teure Experimente zu planen. Diese Leidenschaft, sich dem Unbekannten zu nähern und tief in die Welt des Kleinsten einzutauchen bestimmt auch sein Denken und Handeln bei seiner Arbeit.

„Die Sehnsucht der Atome“, das ist die Umschreibung jener physikalischen Eigenschaft, wonach Atome immer nach Vollkommenheit streben. Sie sind immer auf der Suche nach fehlenden Elektonen. Darin  treffen sich der Titel des Buches, die Leidenschaft von Jensen, das was O’Hare antreibt  und die Geschichte selbst: dort, wo ein Teilchen fehlt, muß es gefunden und an den richtige Platz gestellt werden. Genau das lässt O’Hara und Jensen auf die Suche rund um den Globus aufbrechen (und nebenbei erfährt man beim Lesen etwas über die Physik des Kleinsten).

Auf leisen Sohlen kommt die Geschichte einher, unmerklich zieht es einen hinein und muß dabei keine trivialen Hilfsmittel und Spannungselemente verwenden. Es ist einfach nur eine Geschichte, ein Krimi, der zum Lesen verleitet und der das Lesen zum Abenteuer macht, das erst auf der letzten Seite, beim letzten Wort endet.  Ohne viel Action, dafür umso mehr mit genau den richtigen Worten und  Sätzen. Ungewöhnlich, überraschend, bizarr, mystisch und spannend!

PS:  Für „Die Sehnsucht der Atome“  erhielt der Schweizer Linus Reichlin den Deutschen Krimipreis 2009.

PPS: eines hat mich aber schon gestört: Jensen mag die Musik der Beatles nicht – wie gibt es denn so was???



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  • Kommentar von  elke am 07.01.2011 um 10:17 Uhr Uhr

    Hätte mir meine Physikprofessorin im Unterrichtsfach Entropie, Heisenbergsche Unschärferelation… so anschaulich erklärt, wie in diesem Buch, dann hätte ich dieses Fach glatt an der Uni belegt ;o)
    PS: Ich verstehe, dass Jensen Beatles nicht mag ;o)
    PPS: Jonny Cash ist ja auch nicht so übel…

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