Buchbesprechung/Rezension:

Oliver Pötzsch: Der Totengräber und der Orden des Teufels
Ein Fall für Leopold von Hertzfeld (5)

Der Totengräber und der Orden des Teufels
verfasst am 26.06.2026 | einen Kommentar hinterlassen

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Um die Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert waren Séancen äußerst beliebte gesellschaftliche Ereignisse in den Wiener Salons.

Von einer gruseligen Séance zum blutigen Okkultismus ist es dann nicht mehr weit. Genau darum scheint es in Leo von Herzfeldts neuem Fall zu gehen, bei dem ein Sohn aus adeligen Familie in Verdacht steht, eine junge Frau nach einem grausamen Ritus getötet zu haben.

Leo ist gerade in Graz beim Begräbnis seines Vaters, als er einen dringenden Anruf aus Wien erhält. Da das Verbrechen in Adelskreisen stattfand, soll Leo, als einziger adeliger Inspektor bei der Polizei in Wien, den richtigen Zugang zu den Beteiligten finden. Der Rückruf kommt ihm auch nicht ganz ungelegen, denn das erste Zusammentreffen zwischen ihm uns seiner Verlobten Julia endete in einer Auseinandersetzung mit seinem Bruder. 

Es ist ein Fall, der zwei einflussreiche Familien betrifft: die es vermeintlichen Mörders und die des Mordopfers. Im kaiserlichen Wien muss das zwangsläufig zu Interventionen von höchster Stelle führen, man kennt ja jemanden, der genügend Einfluss dafür hat. Ein Umstand, der es nicht gerade einfach macht, die Wahrheit aufzudecken, denn Leo muss um jeden Preis verhindern, allzu vorschnell eine Lösung zu präsentieren. Dabei scheint die doch auf der Hand zu liegen. Denn der vermeintliche Mörder wurde in eine Nervenklinik eingeliefert, ist nicht ansprechbar, im Übrigen aber aufgrund der Spurenlage auch der einzige mögliche Täter.

Alles ist eingebettet in das historische Wien des Jahres 1896. Nicht die Stadt selbst liefert dabei den Hintergrund, sondern die gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit. Wenn wir heute mit zunehmender Polarisierung der Gesellschaft zu kämpfen haben, so ist das kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Das späte 19. Jahrhundert war die Brutstätte von Antisemitismus und Populismus, die in Wien in dem offen antisemitischen Bürgermeister Lueger eine unrühmliche Galionsfigur hatte. Lueger war aber nur die Spitze des Eisberges, „die Juden“ für alles Schlechte verantwortlich zu machen, war damals alltäglich und niemand stieß sich daran (und es war dieses Umfeld, in dem ein gewisser Adolf Hitler geprägt wurde).

Oliver Pötzsch führt seinen Hauptdarsteller durch dieses Wien, er lässt ihn mit historischen Persönlichkeiten zusammentreffen. Darunter eben Lueger, aber auch der junge Sigmund Freud, der zu dieser Zeit noch ein unbekannter Nervenarzt war, der mit seiner Psychoanalyse noch lange nicht anerkannt war. So misslingt auch Freuds Versuch, den jungen Mann in der Nervenklinik aus seinem Trauma zu holen so dramatisch, dass die ganze Karriere des jungen Arztes gefährdet scheint.

Leo muss durch sich durch einen Irrgarten von falschen Behauptungen und Verschwörungstheorien durcharbeiten und beginnt selbst auch langsam daran zu glauben, dass das, was ihm eingeflüstert wird, tatsächlich der Wahrheit entspricht. Doch seltsam bei alledem ist, dass alles so eindeutig in genau eine bestimmte Richtung weist. Eine Richtung, die genau jenen passt, die von Anfang an den Juden und Freimaurern das Verbrechen zuschreiben wollten.

Es ist eine Kleinigkeit, die Leo von Hertzfeld dann davon überzeugt, dass es doch eine ganz andere Lösung gibt, als alle ´glauben oder wünschen. Diese Kleinigkeit entdeckt Leos Freund, der Totengräber Augustin Rothmayer. 

Oliver Pötzsch lässt mit diesem fünften Fall für Leopold von Hertzfeld keinen Zweifel daran, dass ein Teil der Handlung in seinen, in unser aller Erfahrungen aus dem Alltag der 2020er-Jahre basiert. Wie sich immer wieder wiederholt, was zu Konfrontationen innerhalb unserer Gesellschaft führt; Konfrontationen, die in Wahrheit durch nichts außer durch Unwissen, Neid und Dummheit entstehen. Es ist zwar ein Zufall, aber die gerade wieder aufflammende Diskussion über das Lueger-Denkmal in Wien passt auch genau dazu.

Die Krimihandlung selbst vermittelt einen Teil dieser Grundstimmung. Denn wenn alle zu wissen glauben, dass es eine ganz bestimmte Gruppe war, die für das verantwortlich ist (der Mord während der Séance bleibt nicht das einzige Verbrechen), dann wird es schwer nicht Mitstreiter dafür zu finden, die sich nicht der allgemeinen Stimmung anschließen. 

Bei allen vermeintlichen oder wahren Hinweisen und Spuren stellt sich nur eines als sicher heraus: Es geht nicht nur um grausame Morde; es geht auch um einen Anschlag auf das Herz der Monarchie.

Zusammengefasst:

Man könnte beinahe meinen, dass Autor Oliver Pötzsch nicht nur in Wien zu Welt gekommen, sondern hier sein Leben verbracht und dabei die Atmosphäre der Stadt zeitlebens geatmet hätte. Für einen, der aber tatsächlich in Bayern geboren und aufgewachsen ist und dort lebt, gelingt ihm mit dieser Krimi-Reihe eine umso bemerkenswertere Charakterisierung der Stadt und der Zeit. Chapeau!

Ein spannender Krimi, geschickt eingebettet in die historischen Verhältnisse; Cliffhanger inklusive …




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