Thomas Mann: Mario und der Zauberer
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Buchbesprechung verfasst von: Andreas
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Thomas Manns Novelle ist ein eindrucksvolles kleines Stück Literatur aus den 1920er-Jahren, das den Leser nicht nur durch seinen Inhalt, sondern vor allem durch seine Sprache fesselt.
Bereits auf den ersten Seiten gelingt es Mann, eine dichte Atmosphäre zu erschaffen, die uns Leserinnen und Leser direkt an den fiktiven italienischen Badeort Torre di Venere versetzt – angesiedelt irgendwo an der ligurischen Küste. In genau abgestimmter Dosierung beschreibt er die Hitze, die Überladung, die gereizte Stimmung der Touristen und die schwüle, drückende Luft. Man spürt förmlich die Sonne und zugleich eine latente Unruhe, die über dem Ort liegt.
Besonders bemerkenswert ist Thomas Manns bildhafte und detailreiche Sprache. Örtlichkeiten, Szenen und kleine Beobachtungen aus dem Alltag schildert er so präzise, dass vor dem inneren Auge lebendige Bilder entstehen. Diese anschauliche Erzählweise sorgt dafür, dass man als Leser nicht nur Beobachter bleibt, sondern sich selbst wie jemand fühlt, der Teil dieses Urlaubs ist.
Gleichzeitig nutzt Mann diese scheinbar idyllische Kulisse, um schrittweise eine bedrückende Atmosphäre aufzubauen. Es wird immer deutlicher, dass etwas nicht stimmt: Die Stimmung ist gereizt, die Menschen reagieren überempfindlich, und eine unterschwellige Aggressivität liegt in der Luft. Eine Ursache dafür findet in kurzen Einschüben auch Eingang in die Erzählung: zur Zeit der geschilderten Ereignisse hat Benito Mussolini bereits die Macht in Italien übernommen, Misstrauen und Gewalt wurden damit zu einem unvermeidbaren Teil des Alltags.
Der Höhepunkt der Novelle ist der Auftritt des Zauberers Cipolla. Auch hier zeigt sich Manns sprachliche Meisterschaft: Cipolla wird nicht nur optisch beschrieben, sondern in seiner ganzen widersprüchlichen Persönlichkeit. Sein Auftritt wirkt zugleich faszinierend und abstoßend und es ist die Rücksichtslosigkeit des Mannes auf der Bühne, die sein Publikum mehr und mehr in seine (mentale) Gewalt bringt.
Besonders wirkungsvoll ist schließlich das Finale der Novelle. Die Ereignisse überschlagen sich und die zuvor eher linear aufgebaute Bedrohung entlädt sich mit einem brutalen, kaum vorhersehbaren Schlag. Es ist dann die nüchterne, aber zugleich eindringliche Schilderung dieses finalen Moments, die diesem seine volle Wirkung verschafft.
Insgesamt beeindruckt mich „Mario und der Zauberer“ nicht nur durch seine inhaltliche Stärke, sondern vor allem durch die Kraft seiner Sprache.
Thomas Mann versteht es – dazu braucht es keinen umfangreichen Roman, das gelingt auch auf diesen wenigen, knapp 80 Seiten – meisterhaft, mit detaillierten, lebendigen Beschreibungen eine Atmosphäre zu schaffen, die seine Leserschaft immer tiefer in eine beklemmende, beinahe schon bedrohliche Welt hineinzieht.