Buchbesprechung/Rezension:

Paul Auster: Baumgartner

Baumgartner
verfasst am 07.11.2023 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Auster, Paul
Genre: Romane
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Der Tag, von dem auf den ersten Seiten zu lesen ist, beginnt für Seymour T. Baumgartner mit einer Kette von Ereignissen, an deren Ende er lädiert in seinem Wohnzimmer sitzt. So sehr ihn alles schmerzt – im wahrsten Sinn des Wortes -, was ihm zustößt, hat er doch weit mehr Mitleid mit dem Mann der Frau, die für ihn, Baumgartner, den Haushalt in Ordnung hält. Jener Mr. Flores nämlich, so hat er an diesem Morgen erfahren, hat sich bei einer Arbeit als Zimmermann schwer verletzt.

Der Beginn des Buches ist einfach nur grandios. Paul Auster beschreibt daran den Ablauf der Ereignisse aus der Perspektive des schon älteren Herrn Baumgartner, dem man wohl ein wenig an Vergesslichkeit nachsagen kann. Diese Gedankenfolge, wie eine Überlegung der nächsten folgt und wie mit jedem neuen Gedanken der vorhergehende wie durch Zauberhand aus dem Gedächtnis verschwindet. Dazu noch eine Ablenkung, als das Telefon klingelt und jemand an der Türe läutet. Am Ende einer solchen Ereignis-Gedankenfolge steht man dann in der Küche und fragt sich: „Was wollte ich denn eigentlich hier?“ Wer kennt das nicht?

Es ist die Ouvertüre zu einem Roman über das Leben nach einem alles überdecken Verlust. Ein Unfall kostetet Anna, seiner alle überstrahlenden Liebe, mit der er vier Jahrzehnte seines Lebens innigst geteilt hatte, es blieb keine Zeit, voneinander Abschied zu nehmen. 10 Jahre nach ihrem Tod ist Baumgartner an einem neuen Kreuzungspunkt angelangt.

Wenn man nun meint, dass man einen Roman über den langsamen aber sicheren Rückzug eines alternden Mannes aus dem Leben liest, so stellt sich das als ganz schnell als falsch heraus. Es geschieht das Gegenteil, vielleicht war dieser Tag, an dem Baumgartner wie verloren durch sein Haus ging und dann noch die Kellertreppen hinunterstürzte, der Wendepunkt.

Baumgartner lernt, dass seine Erinnerungen kein Grund für anhaltende Trauer sein müssen, sondern dass sie ein Blick auf wunderbare und wertvolle Stunden, Tage, Jahre in seiner Vergangenheit sind. Aber eben in der Vergangenheit. Er ist noch lange nicht zu alt, um nicht auch in seiner Zukunft wunderbare Stunden, Tage, Jahre zu erleben.

Paul Auster, selbst in der Mitte seiner Siebziger, erzählt über das Leben eines Mannes in einem Alter wie er selbst, so wie man es eben nur tun kann, wenn man selbst in einem solchen Abschnitt des Lebens ist wie sein Protagonist.  Und ja, natürlich, wenn man Paul Auster ist. Von Bedeutung für die Motivation, diesen Roman zu schreiben, ist wahrscheinlich auch Paul Austers erst vor wenigen Monaten bekannt gewordene Krebserkrankung. Vorstellbar, dass eine solche Diagnose der Anstoß für “Baumgartner” war.

Über bedeutende Episoden aus Baumgartners und Annas Leben ist zu lesen. Berührend, witzig, voller Freude und dann voller Leid und Traurigkeit. Geschichten, aus denen man immer die unbedingte Zuneigung herauslesen kann, die beide miteinander verbindet. Dann liest man, wie der Anspruch, von Annas Eltern unabhängig zu sein, angepasst werden muss, um den Umzug in eine gemeinsame Wohnung zu finanzieren. Beneidenswert, wenn zwei Menschen so eine Verbindung eingehen können, die niemals schwächer wird. Dann von Baumgartners Vater, der jung starb, was aber niemanden wunderte, hatte er sich niemals darum gekümmert, ob ihm etwas schadete. Von seiner Mutter Ruth, die ihn und seine Schwester durch alle Stürme seiner frühen Jahre leitete, nachdem sie schon in jungen Jahren ihr Leben auf sich allein gestellt meistern musste und auch viel zu früh gestorben war. Von Baumgartners Reise zu den Orten der Herkunft der Familie seines Vaters in Osteropa.

Im Verlauf der Erzählung wird man bald feststellen, dass Paul Auster einiges aus seiner eigenen Biografie und seiner Herkunft in diesen Roman hineingeschrieben hat; und damit, das kann ich aber nur annehmen, auch etwas aus seinen eigenen Erfahrungen und Erinnerungen. Paul Austers Vorfahren kamen aus der heute in der Ukraine gelegenen Stadt Iwano-Frankiwsk in die USA; dort hat auch Baumgartner seine Wurzeln.

Und zum Schluss? Wenn mag die Unwägbarkeiten der Zukunft als Maßstab für Baumgartners weiteres Leben nimmt, dann bleibt such das Ende dieser Geschichte ungewiss.

Manches, das ich lese, kommt mir vertraut vor, auch wenn ich das meiste davon so oder so ähnlich selbst nie erlebt habe. Der ganze Roman ist derart lebensnah geschrieben, alles kann einem Menschen zustoßen, alles kann man erleben und nichts davon wäre für ein Leben, so wie wir alle es führen, außergewöhnlich. Erst diese Erzählung darüber macht es außergewöhnlich.

Wenn es auch immer wieder Momente der Wehmut und der Unsicherheit gibt, so empfinde ich das ganze Buch vor allem aber als dies: beruhigend, hoffnungsvoll, mitreißend in den Emotionen, die es auslöst (wenn man das zulässt …). Denn indem man Baumgartners Erinnerungen und Gegenwart begleitet, sieht man ganz klar, dass es ein „später“ geben wird. Egal, ob man zwanzig, vierzig, siebzig oder achtzig Jahre alt ist, es lässt sich aus jedem Lebensalter ein Blick in eine weitere Zukunft werfen, es lassen sich Pläne machen und Fantasien Wirklichkeit werden lassen. Es wird sich nur die Perspektive mit dem Altern ändern, und die Wünsche werden sich wandeln.

„Baumgartner“ ist ein Buch voller Weisheit, Wehmut, Melancholie und Mut, in das Paul Auster viel Erfahrung eines langen Lebens gepackt hat. Ein Buch, das mich wirklich zutiefst beeindruckt.




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