Buchbesprechung/Rezension:

Adalbert Stifter: Bergkristall

Bergkristall
verfasst am 01.01.2023 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Erzählungen, Stifter, Adalbert
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Zwei Täler, dazwischen thront der schneebedeckte Gars. In dem einen Tal das Dorf Gschaid, mit wenigen Menschen, weit verstreuten Häusern; im anderen Tal der Ort Millsdorf, beinahe schon eine kleine Stadt.

So unterschiedlich die beiden Orte, so unterschiedlich die Menschen und ihre Lebensweisen. Alles ist viel weiter voneinander entfernt, als es die Schritte, die man von einem Ort zum anderen zu gehen hat, glauben lassen würden.

Gleich auf den ersten Seiten dieser Novelle gelingt Adalbert Stifter eine, nach meinem Empfinden fulminante Beschreibung der Landschaft, der Atmosphäre in diesen einsamen, abgelegenen Alpentälern. Damit beschreibt er auch, wie diese alten Dorfgemeinschaften entstanden, wie die Menschen lebten und wie sie sich voneinander unterschieden, sich oft abgrenzten von den anderen, denen, die nicht zum eigenen Tal gehörten. Und wenn es nur die Sprache im Tal war, die man anderorts nur mehr teilweise verstand.

Die Berge gibt es heute noch, doch alles ist viel näher zusammengewachsen. In manchen engen Tälern, in die die Menschenmassen noch nicht Einzug gehalten haben, findet man dann und wann heute noch etwas von dem, was Adalbert Stifter vor beinahe 180 Jahren beschrieb. Zu seinen Beschreibungen gehört auch das Weihnachtsfest und das lässt beinahe wehmütige Erinnerungen an die eigene Kindheit hervorkommen – damals war das nicht viel anders als es heute ist (wenn auch die Geschenke heute ganz andere sind) und man sieht es förmlich, wie die Kleinsten mit glänzenden Augen vor dem Baum stehen und die Kerzen bestaunen und sich auf die Weihnachtsgeschenke freuen (Diese Novelle wurde übrigens zuerst unter dem Namen „Der Heilige Abend“ veröffentlicht – erst ab 1853 wurde der aktuelle Titel verwendet).

Der Schuster von Gschaid ehelicht die Tochter des Färbers von Millsdorf. Beide leben in Gschaid und bald ist das Haus belebt von ihren beiden Kindern Konrad und Sanna.

Oft wird ab nun gegenseitig besucht, die Großmutter reist nach Gschaid, Mutter und Kinder besuchen die Großeltern in Millsdorf. Die Jahre vergehen und die Kinder dürfen alleine über den Berg ihre Großeltern besuchen gehen.

Es ist der Weihnachtsabend, als das Wetter sich ruhig zeigt und die Kinder die Erlaubnis von ihren Eltern bekommen, wieder nach Millsdorf zu gehen.

Auf dem Rückweg, die Großmutter drängte schon zum baldigen Aufbruch, schlägt das Wetter um. Es ist eine stille Dramatik, von der Stifter jetzt erzählt. Bergauf wird der Schneefall immer dichter, sehr zur Freude der beiden Kinder. Diese Freude wird aber mehr und mehr zur Furcht, als der Weg immer schwerer zu finden ist und mit der hereinbrechenden Dämmerung die Kälte kommt. Bald haben sie jede Orientierung verloren, der Schnee nimmt jede Sicht und dämpft jedes Geräusch.

Es sind ergreifende und großartig geschriebene Szenen auf dem winterlichen Berg, Szenen, wie man sie selbst erleben könnte, wenn man sich unachtsam in so schwieriges Gelände wagt und die weiße Winterlandschaft schier unendlich erscheint.

Stifters Sprache ist manchmal blumig, ausschmückend, passt aber immer ganz genau. Ein interessantes Detail ist die Nicht-Verwendung des Wortes „Serpentine“, das wohl zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Novelle noch nicht in den gebräuchlichen deutschsprachigen Wortschatz Einzug gehalten hatte.

Nur wenige Seiten, aber unglaublich viel Emotion.
Es ist ein großartiges kleines Werk der Literatur des frühen 19. Jahrhunderts, das sprachlich und thematisch noch immer auf der Höhe der Zeit ist.




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