Buchbesprechung/Rezension:

Heinrich Mann: Professor Unrat
oder das Ende eines Tyrannen


verfasst am 06.09.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Mann, Heinrich, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Professor Doktor Raat: ein Mann, der, wie es schient, immer schon alt war, immer schon missgünstig und voller Verachtung für alle Menschen. Niemand, nein überhaupt niemand in der Stadt und im Gymnasium, weder Lehrer noch Schüler, nicht die einfachen Leute, die die Stadt bewohnen, wären ihm ebenbürtig.

So verdienen sie alle zusammen auch nichts anderes, als dass Professor Raat sie in ihre Schranken weist. Ganze Familien hat er schon, er ist stolz darauf, durch schlechte Zensuren davon abgehalten, Karriere zu machen und das nur, weil sie ihm nicht zu Gesicht stehen. Ein böser Mann, den schon viele Schülergenerationen ertragen mussten, die ihm einen nur allzu treffenden Namen gaben: „Professor Unrat“.

Nun hat sich der Schüler Lohmann noch Unerhörteres erlaubt, als diese ganze Schülerbrut vor ihm. Der Professor kann gar nicht anders, als aus den paar Zeilen im Heft des Schülers eine unglaubliche Unmoral herauszulesen. Raat ist empört und schwört sich, dem Schüler Lohmann ein für alle Mal dessen Zukunft zu verbauen, seine Empörung steigert sich zum Hass. So wie im Übrigen auch ein paar anderen aus der Klasse. Er macht sich auf die Suche nach Lohmann, um diesen quasi auf frischer Tat bei seinem haltlosen Treiben zu erwischen, denn in seiner Verbohrtheit kann Raat sich in keine Sekunde lang vorstellen, dass er sich irre. Seine Suche nach den Untaten seiner Schüler führt ihn letztendlich in das Lokal zum „Blauen Engel“wo er auf die Sängerin Rosa Fröhlich trifft.

Raat ist so sehr in seiner Welt gefangen, dass er dann überhaupt nicht damit umgehen kann, als Menschen, Fremde, völlig unerwartet und obwohl er, Raat, zuvor brüsk mit diesen Personen umgegangen war, Interesse und Verständnis für ihn aufbringen. Raat, der sich selbst immer nur in Konfrontation mit den anderen sah und der deshalb von anderen immer nur Spott und Abneigung erfuhr, ist von dieser neuen Situation gänzlich überfordert.

Raats Leben gerät völlig in Unordnung, Eifersucht und Besitzansprüche bestimmen bald sein Leben, er wird tatsächlich zu „Professor Unrat“. Raat verstrickt sich immer mehr in die Situation, ja er gerät in eine unbestimmte Abhängigkeit von Rosa, von ihrer Zuneigung und Aufmerksamkeit. Raat verliert im Zuge der sich daraus entwickelnden Ereignisse seine Anstellung als Gymnasialprofessor, heiratet Rosa, ändert seinen Lebenswandel, kommt auf die Idee, mit Glücksspiel seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, stürzt sich und Rosa aber immer weiter in Schulden. Zwar geht in Raats Wohnung die Prominenz der Stadt ein und aus, aber er macht sich doch nur Feinde.

Zwei Jahre lang währt dieses selbstzerstörerische Leben, während derer sich Rosa immer ungenierter mit anderen Männern vergnügt, während Raat weiterhin seine Intrigen spinnt. Er ist nur noch davon angetrieben, allen, denen er in seinem Leben als Professor nicht ausreichend geschadet zu haben, nun endlich den großen Schaden zuzufügen, den sie – aus seiner Sicht – verdienen.

Am Ende bleibt nur noch Lohmann übrig, der für Unrat zum übergroßen Feindbild geworden war. Lohmann und Rosa treffen durch Zufall zusammen. Als Lohmann in Raats Wohnung auftaucht und anbietet, Rosas Schulden zu begleichen, versucht Raat rasend vor Wut und Eifersucht seine Ehefrau zu erwürgen und stiehlt Lohmann dessen prall gefüllte Geldbörse. Denn es ist unerträglich, dass Lohmann nicht nur mit seiner angeblichen Unmoral davongekommen ist, Raat ist auch daran gescheitert, seinen ehemaligen Schüler zu schaden, ja, dieser ist sogar imstande, Raats Ehefrau zu unterstützen.

In der letzten Szene werden Raat und Rosa unter dem Applaus der Bürger der Stadt verhaftet und abgeführt

Wie dieser Professor Raat sich seine kleine, verbitterte Realität erfindet, wie er überzeugt ist, dass er derjenige ist, der Kraft seiner eigenen geistigen Überlegenheit berechtigt wäre, über alle anderen zu urteilen. Zu Beginn liest es sich noch wie eine Geschichte über den so oft literarisch bearbeiteten Zwist zwischen Professor und Schüler, zwischen Beharren und Aufbegehren, zwischen der Glorifizierung der Vergangenheit und dem Streben nach Veränderung. Dann aber stellt sich heraus, dass Raats Abneigung weit über das nomale Maß hinaus geht. Er ist der Prototyp des verstockten, unbelehrbaren Menschen, der niemals auch nur den kleinsten Kompromiss eingehen würde, der nur seinen Standpunkt gelten lässt und alles mit nicht nachlassender Wut verfolgt, was nicht seinen kleingeistigen (Wert-) Vorstellungen entspricht.

Ein Typus von Menschen dem man auch heute viel zu oft begegnet. Man könnte sich vorstellen, dass es genau solche Typen wie Raat sind, die heute aus der Anonymität des Internets ihre undifferenzierte Wut in die Welt hinaus spucken.




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