Buchbesprechung/Rezension:

Heimito von Doderer: Das letzte Abenteuer


verfasst am 28.09.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Doderer, Heimito von, Erzählung
LiteraturBlog Bewertung:

Wann ging es denn eigentlich zu Ende, das Zeitalter der Ritter?
Was machte einen Ritter aus?

Schreibt man über diese alte Zeit, dann wird man die Atmosphäre  wohl am besten in einer Mischung aus Märchen und Sage aufleben lassen. Alte Rittergeschichten kennen wir seit unserer Kindheit, wir haben sie in Bilderbüchern bestaunt, in Romanen darüber gelesen oder vielleicht uns mit alten Filmen (Stichwort: Eroll Flynn) an verregneten Sonntag für einige Momente in die Vergangenheit versetzt.

Mit „Das letzte Abenteuer“ erzählt Heimito von Doderer eine solche Märchen-Sagen-Geschichte vom tapferen Ritter Ruy de Fanez, der aufbrach, um den Drachen zu töten und um die Hand der schönen Landesherrin zu gewinnen. Zunächst meint man noch, sich in einem typischen Ritterabenteuer zu befinden, als Guy mit seinem Knappen Gauvain und zwei Knechten in den dichten Wald reitet, nach tagelanger Suche endlich auf einem Bergkamm die riesige Silhouette des Drachen, ein Lindwurm ist es, erblickt. Die Rüstung wird angelegt, das Schlachtross wird aufgezäumt, der Helm wird aufgesetzt und das Schwert gezückt.

Zweifel daran, dass das Abenteuer sich so entwickelt, wie man es erwartete, kommen auf, das der Ritter zwar auf den Lindwurm mit seinem Schwert einschlägt, bis auf ein kleines Stück des Hornes allerdings nichts abschlagen kann. Der Lindwurm, auch in Abweichung guter alter Drachentraditionen, ist so gar nicht am Ritter interessiert und verschwindet lieber im Wald.

Immerhin lässt sich nun sagen, dass Ruy den Lindwurm in die Flucht geschlagen hatte, was ausreicht, um in die Stadt zur Landesherrin zu reiten. Das erste Zusammentreffen weicht nun schon weitaus mehr von den ritterlichen Konventionen ab: weder ist die Landesherrin sofort vom edlen Helden verzückt, noch verfällt dieser ihr augenblicklich in Liebe. Es geht so weit, dass sich die Menschen der Stadt nach vielen Tagen und Wochen fragen, warum den der Ritter nicht um die Hand der Landesherrin wirbt.

Dann trifft ein weiterer Ritter ein, eine ganz ähnliche Geschichte wie Ruy weiß er zu erzählen. Wird er nun um die Hand der Herrscherin anhalten? Oder haut auch er schon den Wandel der Zeit verspürt

Man kann richtig wunderbar in dieser Erzählung versinken. Sie klingt so, sie liest sich so, sie fühlt sich so an, wie ein Ritterabenteuer sein muss. Bis eben auf diese kleinen Abweichungen. An diesen erkennt man, dass sich die Zeit der edlen Ritter, ihr Ehrenkodex, ihre Traditionen und überhaupt die ganze Welt um sie herum begonnen haben zu verändern.

Ein Mann hoch zu Ross, ganz in Eisen gehüllt, ist schon nicht mehr der Traum aller Frauen und das Ziel aller Jünglinge. Seit englische Bogenschützen zu Fuß ein ganzes französischen Ritterheer niedermetzeln konnten, wie es bei der Schlacht von Crécy geschah, ist die Zeit für den Abschied gekommen.

So ziehen Ruy und der andere Ritter weiter und werden irgendwann, irgendwo einsam und voller alter Erinnerungen an eine vergangene Welt sterben.




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