Buchbesprechung/Rezension:

Helmut Wittmann (Hrsg.): Das große österreichische Sagenbuch
mit Texten von Wilhelm Kuehs, Bernhard Lins, Robert Preis, Folke Tegetthoff, Brigitte Weninger, Helmut Wittmann


verfasst am 22.09.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Sagen, Wittmann, Helmut
LiteraturBlog Bewertung:

Sechs Autorinnen und Autoren erzählen Sagen aus ganz Österreich. Wenn man, so wie unser Land, auf eine wirkliche lange Vergangenheit zurückblicken kann, dann sammelt sich natürlich ein schier überblickbare Menge an alten Sagen, überlieferten Erzählungen und geheimnisvollen Mythen, meistens mündlich weitergegeben und oft erst sehr spät niedergeschrieben.

Eine Auswahl der Geschichten für dieses Buch zu finden, das quasi das „Best-Of“ der zuvor im Tyrolia-Verlag erschienenen Bundesland-Sagenbüchern darstellt, ist nicht einfach. Sollen da die bekannten Geschichten hinein oder doch mehr von jenen, die man bislang nur in wenigen Dörfern und Tälern kannte?

Als Wien-Geborenem sind mir natürlich zuerst einmal die Sagen vom Lieben Augustin, der Spinnerin am Kreuz, dem Stock im Eisen usw. bekannt; es war sowieso Zeit, die wieder einmal zu lesen und mich daran zu erinnern.

Entfernt man sich aus den Städten, dann ändert sich der Inhalt der Geschichten. Von verborgenen Höhleneingängen ist zu lesen, von Riesen und Drachen, von Burgen und vom ruchlosen Treiben der Raubritter, von dunklen Wäldern und von unheimlichen Bergen.

Wer überall in verschiedenen Gestalten auftritt, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, das ist der Teufel. Immer will er die Seelen der Menschen und dann und wann gelingt es einem der Menschen, den Teufel zu überlisten.

Die alten Sagen werden jetzt neu erzählt und dabei erfährt man eine ganze Menge über Orte, Bauwerke oder markante Plätze, an denen wir im Alltag meist achtlos vorübergehen ohne zu wissen, was sich dort an alten Überlieferungen verbirgt. Also auch durchaus spannend, wenn man die Gegend aus eigener Erfahrung kennt, über die so eine alte Sage etwas zu berichten weiß. Dazu viele Geschichten mit Rittern, Kaisern und Kriegen, woran man erkennt, dass der Ursprung vieler dieser Überlieferungen schon mehr als 1000 Jahre zurückliegt.

Beim Lesen stellt sich langsam wirklich die Stimmung ein, die man kennt, wenn jemand eine überlieferte Geschichte erzählt und herumsitzen die Alten und die Jungen und hören ganz gespannt zu.

Brigitte Weninger, die aus Kufstein stammt, kennt nicht nur die Sagen aus Tirol, sondern weiß auch viel über die alten Geschichten aus Wien zu berichten. Was ich nicht wusste: Haymon ist nicht nur der Name eines Verlages, sondern auch ein Riese, der einst im Inntal umherstreifte.

Der akkurateste Erzähler unten den AutorInnen des Buches ist der Steirer Robert Preis, er bleibt meist ganz nahe an der überlieferten Geschichte.

Helmut Wittmann, Herausgeber des Buches und Erzähler der meisten Sagen, spricht quasi beim Schreiben – ist also wirklich ein Erzähler, eben nur mit Geschriebenem. Er fügt da und dort eine Anmerkung mit Bezug auf das Heute hinzu und lässt am Ende meist vieles offen.

Mit den Sagen seiner Kärntner Heimat beschäftigt sich Wilhelm Kuehs und er findet dabei ganz genau den Erzähl-Ton, der zu den Abenden am Kamin passt, wenn es draußen stürmt und schneit. Und natürlich ist auch die Sage vom Lindwurm dabei.

Mit Bernhard Lins reist man über den Arlberg in den Westen unseres Landes.

Nur wenig Freude habe ich, leider, mit den von Folke Tegetthoff erzählten niederösterreichischen Geschichten. Die sind mir allesamt viel zu aufgesetzt lustig und auf vermeintlichen Zeitgeist getrimmt – mit der Betonung auf „aufgesetzt“.

Ganz ausgezeichnet zu den Sagen passen die Illustrationen, die der aus Tirol stammende Künstler Jakob Kirchmayr geschaffen hat. Gerade die unheimlichen Gestalten, die ja in beinahe jeder Sage vorkommen, trifft Kirchmayr mit seinem Stil nahezu perfekt. So in etwa müssen sich unsere Vorfahren – aus Furcht vor den Dingen, die um sie herum geschahen und die sie nicht erklären konnten –  die Wesen vorgestellt haben, die für dieses Unerklärliche verantwortlich sein mussten.

Ein Hinweis als PS:
Advent und Weihnachten kommen bald – also die typische Vorlese-Zeit! Eine gute Gelegenheit, sich dafür dieses Buch zur Hand zu nehmen.




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