Buchbesprechung/Rezension:

Martin Mosebach: Krass


verfasst am 10.07.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Mosebach, Martin, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Zwei Männer: Ralph Krass, der übermächtige, der über-lebensgroße; und Dr. Jüngel, der immer scheiternde, der immer in der zweiten Reihe bleiben wird. Jeder ist an seinem Platz, so als wäre es anders gar nicht denkbar. Ist so etwas für alle Zeiten unveränderlich?

Um Ralph Krass schart sich immer ein Pulk von Bewunderern, Mitläufern, Schmarotzern. Man sonnt sich (in) seiner Nähe, akzeptiert ganz natürlich die Vorherrschaft des mächtigen Mannes, genießt seine Gastfreundschaft; und immer bleiben die, die ihn umschwirren, abhängig von seiner Gunst. Krass seinerseits sieht es als sein Recht an, mit so einem „Hofstaat“ aufzutreten, dessen Mitglieder ihm auch gleich die lästige Kommunikation mit den gewöhnlichen Menschen in der Krass umgebenden Welt abnehmen.

Dr. Matthias Jüngel hat den Job als Sekretär von Krass ergattern, organisiert die Reisen, beschafft alles, was Krass andeutet, besitzen zu wollen, vereinbart Termine und engagiert auch eine Begleiterin für Krass, wenn der das möchte. Nun ist der Tross in Neapel eingetroffen, man besichtigt Kulturschätze und Jüngel hat die Frau, die Krass bei einer Vorstellung eines Zauberkünstlers aufgefallen ist, als Begleiterin engagiert. Eine Bootsfahrt, die Besichtigung einer Villa, die sich als möglicher zukünftiger Wohnsitz für Krass anbietet. Jüngel organisiert, bereitet vor und ist sich dabei stets bewusst, dass seine Arbeit gering geschätzt werden mag.

Es könnte ewig so weiter gehen. Doch ist das möglich, lassen es die wohl nicht ganz legalen Geschäfte des Ralph Krass zu?

Ralph Krass: was für ein Zufall(?), dass man gerade in den letzten Monaten von Leuten ähnlichen Charakters in den Medien lesen konnte. Durch welche Kniffe, Verbindungen oder Intrigen auch immer in Entscheidungspositionen gekommen, jeglichen Realitätssinn verloren und über alle Maßen in sich selbst verliebt. Ob man da an einen Wirecard-Vorstand denkt, der auf seinen Prozess wartet, oder an den zurückgetretenen Chef der Österreichischen Staatsholding Öbag, der um nichts in der Welt mit dem Pöbel im Zug reisen wollte. Oder an einen ehemaligen Vizekanzler Österreichs, der in maßloser Selbstgefälligkeit gleich das halbe Land verscherbeln wollte. Oder, oder, oder …

Nun ist Ralph Krass so etwas wie die literarische Form gebrachte Melange solcher Typen und es stellt sich also die Frage, ob er aus seinem Höhenflug, ebenso wie vieler seiner realen Entsprechungen, in die Niederungen des gewöhnlichen Lebens heruntergerissen werden wird.

Martin Mosebach erzählt, er fabuliert, er schweift ab, er generalisiert, er dreht weite sprachliche Pirouetten, um seine Sicht der Dinge darzulegen. Diesem Stil ist es geschuldet, dass manche Abschnitte des Buches sterbenslangweilig und unerträglich lang sind, andere wieder prickelnd spannend und kurzweilig. Mosebachs Sprache ist nicht auf der Höhe derzeit, bringt aber durch ihre unmoderne Anmutung die Beschreibung des Geschehens umso plastischer, sichtbarer an die Leserschaft. (oder müsste es heißen: die Lesenden? – eine Frage, die man so oder mit ähnlichem Thema im Buch nicht finden wird)

Für mich hat der ganze Roman weniger eine Handlung, als vielmehr ein Thema, das von allen Seiten betrachtet werden will: was machen die Umstände aus den Menschen und was machen die Menschen aus ihrem Umfeld. Passend ist dazu die Phase „Sei freundlich zu den Menschen, die du bei deinem Aufstieg triffst – du wirst ihnen bei deinem Abstieg wieder begegnen.“

„Krass“ ist ein Roman über die vielfältigen Formen des menschlichen Charakters und für den Autor Martin Mosebach eine Bühne, um so etwas wie ein subjektives Resümee über die Gegenwart zu ziehen. In vielem wird man darum Parallele zum eigenen Leben oder zu dem anderer finden, manches wird man als pure Fantasie betrachten – und jede Leserin, jeder Leser wird wohl ganz unterschiedliche Eindrücke gewinnen.

Selbst wenn ich nicht uneingeschränkt überzeugt bin, so empfinde ich „Krass“ doch insgesamt als eine sehr gelungene … ich möchte es ganz bewusst „Satire“ nennen  … auf uns und unser Leben, auf überkommene Verhaltensweisen und Klischees, die sich aller Moderne zum Trotz immer noch erhalten.




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