Buchbesprechung/Rezension:

Steffen Kopetzky: Monschau


verfasst am 07.04.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kopetzky, Steffen, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Patient 1: im Jahr 2021 wissen die meisten Menschen, was mit dieser Bezeichnung gemeint ist. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Patienten Nr. 1: in Europa, im Land, in der Region, in der Familie – und meisten ist es nicht möglich, sie zu ermitteln. Patient 1 der Pockenepidemie 1962 war hingegen ganz eindeutige identifizierbar: der Monteur der Rither-Werke aus Monschau in der Eifel, der zuvor sechs Monate lang in Indien gearbeitet hatte.

Damit beginnt Steffen Kopetzkys Roman über eine Epidemie mitten in Europa, die sich trotz aller medizinischen Kenntnisse, trotz aller dieser Wissenschaftler, die über das erforderliche Wissen verfügten, zunächst ungehindert ausbreiten konnte. Als es dann zu den Maßnahmen kam, die zur Eindämmung unabdingbar waren, wurde eine ganze Region wie vom Rest der Welt abgeschnitten.

Verwendete man damals schon den Begriff „Lockdown“? Es war jedenfalls einer und damit ergibt sich aus unserer gegenwärtigen Corona-Pandemie wohl der direkte Anstoß für Kopetzkys Roman – und vielleicht auch noch aus der geografischen Nähe der Stadt Monschau zum Schauplatz seinen zuletzt erschienenen Romans „Propaganda“ über die Schlacht im Hürtgenwald.

Es sind der Düsseldorfer Professor Stüttgen und der junge, aus Griechenland stammende Arzt Nikos Spyridakis, die so schnell wie möglich die Maßnahmen zur Eindämmung der sich abzeichnenden Pocken-Epidemie umsetzen müssen. Alles muss daran gesetzt werden, die Seuche nicht aus der Region entkommen zu lassen. Doch auch schon im Jahr 1962 sind die Mobilität der Menschen und die Interessen der Wirtschaft die größten Gegner bei der Eindämmung.

Als ob es ein Gleichnis wäre: wenn Steffen Kopetzky über die Hindernisse schreibt, die der Wissenschaft damals in den Weg gelegt wurde, wie aus Rücksicht auf öffentliche Meinung und mögliche Stimmenverluste bei Wahlen agiert wurde, so meint man, Berichte aus den Jahren 2020 und 2021 vor sich zu haben. Wobei ich mir nicht sicher bin, wie viele der Maßnahmen und Reaktionen Kopetzky von „unserer“ Corona-Epidemie einfach ins Jahr 1962 kopiert hat bzw. was davon wirklich so stattgefunden haben könnte.

Jetzt aber ist man wie hineingezogen in das Jahr 1962, verfolgt mit den Augen und den Erfahrungen der eigenen Gegenwart  das, was sich in so unselig vertraut wirkender Weise auch damals schon zutrug.

Mitten in der Zeit des Wirtschaftswunders ist es für den Direktor Seuss, der die Rither-Werke leitet, undenkbar, dass seine Fabrik wegen einer unsichtbaren Krankheit geschlossen wird, wo doch so viele der angeblich Infizierten nicht einmal die kleinsten Symptome zeigen.

Die Epidemie und ihre Folgen bilden die Szenerie, in der sich zwei jungen Menschen nahe kommen: der griechische Arzt und Vera, die Alleinerbin der Rither-Werke. Mit ihrer sich anbahnenden Beziehung finden auch zwei Welten zueinander, die noch wenige Jahre zuvor so weit voneinander getrennt waren, wie es nur möglich war: als die Deutsche Wehrmacht, darunter vielleicht auch Männer, die nun bei Rither arbeiteten, Nikos‘ Heimat Kreta besetzten – sein Vater war einer der Verteidiger der Insel.

17 Jahre nach dem Ende des Weltkriegs ist es unvermeidlich, dass Nazi-Opfer und Nazi-Täter einander begegnen. Diesbezüglich gerät der Journalist Grünwald der Zeitschrift „Quick“ immer mehr in den Blickpunkt, der zunächst aus ganz anderen Gründen nach Monschau kam: um über einen der Nazi-Bonzen zu berichten, die sich auch noch so viele Jahre nach Kriegsende unbehelligt in einflussreicher Position halten konnten.

Wirklich großartig finde ich die Einbettung der Ereignisse in der Eifel in das Weltgeschehen des Jahres 1962. Was sich zu selben Zeit in Politik, Wirtschaft ereignete, der Kalte Krieg, der Wettlauf zwischen Ost und West, die zeitliche Nähe zum 2. Weltkrieg, dessen Erbe noch schwer wiegt. So kann Kopetzky gleich mehrere Ebenen in seinen Roman einziehen. Nichts steht für sich alleine, alles ist miteinander verwoben, nichts geschieht ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.

„Monschau“ ist ein aufregendes Buch über aufregende Zeiten und versammelt gleich mehrere Themen. Im Stil sehr unterhaltsam und spannend lässt Kopetzky alle diese einzelnen Erzählungen zusammentreffen. Da ist dann auch Platz für den Hamburger Innensenator Helmut Schmidt, für den Inkognito-Auftritt eines sehr erfolgreichen und bekannten Schriftstellers jener Zeit und für eine schon fast kitschige Liebesgeschichte.

Mit vielen kleinen Berichten und Rückblicken über zurückliegende Ereignisse oder medizinische Erkenntnisse ist der Roman zudem ungemein abwechslungsreich und liefert zur fiktiven Handlung auch noch jede Menge Fakten. So unterschiedlich diese einzelnen Erzählungen auch sein mögen: in diesem Roman passen sie alle nahtlos ineinander.

Sehr zu empfehlen!

Bericht im SPIEGEL über die Pockenepidemie 1962:
Die Attacke der gefährlichen Pocken




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