Buchbesprechung/Rezension:

Renate Silberer: Hotel Weitblick


verfasst am 08.03.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Silberer, Renate
LiteraturBlog Bewertung:

Sein Lebenswort ist tschulpi, ein von ihm erfundenes Wort. Er ist 49 Jahre alt, er verdient gut, er ist mit seinem Leben unzufrieden.

Dr. Marius Tankwart heißt dieser Mann. Jedes Jahr, am 19. April ruft ihn seine Mutter an, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren. Ein Martyrium für  ihn. Immer wieder erzählt sie ihm von den Problemen, die ihr sein Werden und sein Erscheinen auf dieser Welt verursacht hat. Gegenwehr ist vergebens, sie lässt ihn nicht zu Wort kommen.

Dr. Tankwart ist Consulter und er soll für eine Werbeagentur einen neuen Geschäftsführer finden. Dazu kommen in einem Seminar über ein Wochenende einige Kandidaten zu einem Auswahlverfahren zusammen. Alle Kandidatinnen arbeiten bereits in Management-Positionen in der Agentur, eine Frau und drei Männer stellen sich der Herausforderung.

Die Autorin beschäftigt sich stark mit der Psyche ihrer Protagonisten. Es sind allesamt Menschen, die ihr Leben am beruflichen Erfolg ausgerichtet haben, die dabei ihr Privatleben hintanstellen. Sie alle haben ganz offensichtlich ein gestörtes Verhältnis zur ihrer Umwelt, nehmen diese außerhalb des Berufes nur wie am Rande wahr und sind im Grunde genommen einsame Menschen.

Dieses Spannungsfeld arbeitet Renate Silberer recht gut heraus. Manchmal wohl etwas verwirrend, aber doch interessant beschrieben.

Marius Tankwart wendet ungewöhnliche, provozierende Methoden an, die bald zu Konflikten führen. Diese Konflikte zwischen den Bewerberinnen nehmen zu, sie beginnen sich zu wehren, den harten Wortgefechten mit Dr. Tankwart folgen bald sogar Handgreiflichkeiten. Sogar die Rettung wird gerufen.

Der Hintergrund des Romanes, das, was Renate Silberer so intensiv beschreibt, ist allzu real: wir leben in einer Gesellschaft, die weitgehend auf Leistung ausgerichtet ist. Das Miteinander ist geprägt von Neid, Eifersucht, Missgunst – Menschliches und Miteinander verlieren zunehmend ihren Platz.

Darum ist „Hotel Weitblick“ kein Wohlfühl-Buch, kann wegen des konfliktreichen Geschehens gar keines sein, ganz im Gegenteil, es strengt an, ist spröde, wehrt sich beinahe dagegen, in einem Zug durchgelesen zu werden. Dazu trägt auch sehr wesentlich der gewöhnungsbedürftige Schreibstil bei.

Inhalt und Form des Romanes haben mich beim Lesen tatsächlich selbst auch in eine etwas negative Stimmung versetzt. Das einzig Positive ist für mich am Ende, dass Dr. Tankwart zum Zuge der Ereignisse für sich selbst herausfindet, dass er sein Leben ändern muß.




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