Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde
Reise in die Lutherzeit

verfasst am 15.06.2019 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Geschichte, Preisendörfer, Bruno

Kopfüber eintauchen in die Zeit des Überganges vom Mittelalter zur Neuzeit, 500 Jahre zurück in die Vergangenheit und miterleben, wie es damals war: das geschieht, wenn man dieses Buch liest – man ist gewissermaßen LIVE dabei (nur eine Zeitreise dorthin würde realer wirken).

In diesem Buch kann man tatsächlich einen ungemein breiten und tiefen Eindruck vom Ende des 15. und Beginn des 16. Jahrhunderts gewinnen. Jene Zeit eben, in der auch Martin Luther die christliche Welt gehörig in Unordung brachte.

Um das Jahr 1500 würden wir eine Welt erleben, die aus heutiger Sicht einerseits unglaublich barbarisch ist, andererseits bereits uns noch heute vertraute Sitten und Vorgänge hervorgebracht hat (bzw. ist der Aufbruch in eine neue Zeit vielerorts schon zu bemerken).

Die Gesellschaftordnung ist strikt hierarchisch, die Obrigkeit unantastbar und gelegentliches Aufbegehren gegen den Status Quo wird mit aller Unmenschlichkeit und Brutalität unterdrückt. Das, was wir uns an Toleranz, Mitgefühl und Gerechtigkeit angeeignet haben, das ist der Welt dieser Zeit völlig fremd. Es wird gefoltert, gemordet und das Volk ist zumeist als gröhlende Menge mit dabei. Eine der Gründe dafür liegt in Aberglauben und Bigotterie, die die Menschen fest im Griff haben.

Überhaupt ist ja der Glaube einer DER Mittelpunkte des Lebens. Umso mehr, als durch Luthers Aktivitäten und den darauf folgenden Gegenmaßnahmen der Katholischen Kirche, das Thema „Glaube“ andauernd präsent war.

Man möchte aus unserer heutigen Sicht sicher nicht damals gelebt haben. Ob Leibeigenschaft oder willkürliche Justiz, unbesiegbare Krankheiten oder andauernde kriegerische Auseinandersetzungen: als durchschnittlicher Mensch hatte man es schwer, unbehelligt über die Runden zu kommen.

Wir begegnen neben Luther auch noch viele anderen Personen, deren Ruhm sich bis zu uns gehalten hat, sitzen mit ihnen bei Tisch, wandern durch die Straßen der Städte, erleben die Fehden zwischen regionalen Abdelsgeschlechtern, lesen in ihrer Original-Sprache, lernen die Mächtigen kennen.

Abseits dieser Schildern von teils recht archaischen wirkenden Vorgängen und Umständen wird man an vielen Stellen des Buches das Augenzwinkern des Autors bemerken und selbst zumindest ein Schmunzeln nicht unterdrücken können. Denn das Verhalten der Menschen, ihre Sitten und Gebräuche  erscheinen uns heute teils naiv, teils komisch, sehr oft aus Unwissenheit entstanden.

Nur selbst in einer Zeitmaschine zurück zu reisen würde uns einen besseren und dichteren Eindruck verschaffen. Wobei: bei dem Gestank, der damals in den Städten herrschte, ist es wohl besser, nur darüber zu lesen.

Für mich ein unglaublich informatives und unterhaltsames Buch, das mir tatsächlich ein plastisches Bild zeichnet. Sehr empfehlenswert und lehrreich. 


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