Daniel Glattauer: Geschenkt

verfasst am 31.08.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Glattauer, Daniel, Romane

Als Journalist (und auch als Mensch) hat Gerold Plassek keine Ziele mehr. Schreiben um Geld zu verdienen, ja, das möchte/muss er schon noch, aber für mehr reicht seine Ambition als Redakteur für dies und das bei einer Gratiszeitung wirklich nicht mehr aus. Alltägliches erledigt er mit Routine, Tiefergehendem begegnet er eher mit Gleichgültigkeit oder gelegentlichem Zynismus, als sich davon einnehmen zu lassen. Und privat reicht es ihm völlig, wenn er ein Bier in Griffweite weiß.

Bis zwei Dinge passieren: zuerst kommt da dieser Anruf von Alice, als dessen finales Ergebnis er mit einem 14-jährigen im Büro seine Nachmittag verbringt. 6 Monate lang soll er sich um Manuel kümmern – seinem Sohn, wie er gerade erst von Alice erfahren hat – dem Sohn, der seinerseits nicht weiß, dass der „gute Freund“ der Mutter sein Vater ist; und er selbst das Ergebnis einer kurzen Affäre.

Dann wird völlig unerwartet aus einer kleinen Notiz, die Gerold in der Zeitung platzierte, eine viel größere Geschichte: das Obdachlosenasyl, dem der finanzielle Ruin drohte, erhält nach Gerolds kurzer Reportage viel Geld von Unbekannt. Dem Geld beigefügt ist der ausgeschnittene Zeitungsartikel.

Als nach einem weiteren kurzen, wieder von Gerold verfassten, Artikel über eine andere soziale Einrichtung auch dort eine Spende eintrifft, regt sich in seinem Inneren etwas, das für lange Zeit verloren gegangen war: Engagement, Interesse … Energie! Dazu kommt, als zusätzlicher Antrieb gewissermaßen, dass er es zwar war, der mit seinem kurzen Artikeln alles in Gang brachte; die weitere journalistische Arbeit überträgt der Chefredakteur aber einer Kollegin.

Es ist eine ganz eigenständige Geschichte, dabei aber doch ein typisches Glattauer-Buch. Eines darüber, wie normalen Menschen, die gewöhnlich Gewöhnliches erleben, plötzlich Spezielles geschieht. Und wie entgegen aller Gepflogenheiten jemand ganz ohne Eigennutz hilft. Dieser Teil der Geschichte, die Spenden und die Suche nach dieser unbekannten Person, lehnt sich an eine wahre Begebenheit an, die im Jahr 2011 begann und  anscheinend bis heute andauert.

Neben den Charakteren hat Daniel Glattauer aber noch etwas im Visier: er, der langjährige Journalist, lässt kein gutes Haar an den Boulevard- und Sensationsmedien. Vor allem dem, was kostenlos unter der irreführenden Bezeichnung „Zeitung“ tagtäglich kostenlos verteilt und später achtlos auf den Boden geworfen wird, widmet er seine spezielle Aufmerksamkeit – Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Medien sind wahrscheinlich rein zufällig (nehme ich an…).

An die Geschichte mit dem anonymen Wohltäter möchte sich natürlich jedes Medium anhängen und so wird aus einer gut gemeinten Sache sehr schnell eine schmutzige Schlammschlacht am Boulevard.

Allesamt Ereignisse, die in Gerold Plassek eine Seite (wieder) zum Leben erwecken, von der er gar nicht mehr wusste, dass sie noch da war. Und dann erzählt Daniel Glattauer die Geschichte eines Mannes, der sich mit seinen 43 Jahren scheinbar unwiderruflich auf der Einbahnstraße in Richtung Untergang befand und plötzlich eine Abzweigung findet. Gerold Plassek erinnert sich an die Ambitionen seiner Jugend wandelt sich vom Versager zum engagierten Journalisten und Vater und Menschen. Und wenn er auch noch die Geschichte mit dem zu viel an Bier und Whisky in den Griff bekommt …

Eine Detektivgeschichte ganz ohne Verbrechen, dafür mit enorm viel Menschlichkeit.

Man ist berührt von den bewegenden Momenten, empört sich über Falschheit und Lügen, schmunzelt über Gerolds Gedanken, fiebert mit bei Herzensangelegenheiten, freut sich mit bei positiven Wendungen; und/oder genießt es einfach, diesen Roman zu lesen.

Ein Buch, das ganz weit oben in meiner persönlichen Liste der Buchlieblinge 2014 steht.

Daniel Glattauer liest aus „Geschenkt“


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