John Williams: Stoner

verfasst am 26.12.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Williams, John

William Stoner kann den Moment, an dem sich sein eigener Lebensweg von den Wünschen seiner Eltern löste, für den Rest seines Lebens wohl jederzeit benennen. Im zweiten Jahr auf dem College, als er sich, warum, das konnte er zunächst nicht so genau begründen, zu einem Literaturseminar anmeldete. Es geschieht während eines dieser Seminare und Auslöser ist ein Sonett von Shakespeare. Bald danach beendet er seine Studien der Landwirtschaft und wendet sich der Sprache und der Literatur zu.

Den Mut, dies seinen Eltern zu erklären, den findet er aber erst Jahre später bei der Abschlussfeier. Bis dahin dachten sie, er würde nach dem Abschluss heimkehren, würde die kleine Farm gemeinsam  mit dem Vater weiter führen, würden sie gemeinsam mit dem Erlernten dem kargen Land bessere Erträge abringen können. Seine Entscheidung nehmen sie dann still hin. Sie lieben ihn, er liebt sie, aber vom dem, was nun seinen Lebensweg bestimmt, wissen und verstehen sie rein gar nichts.

Für Stoner ist das Abschluss des Studiums zugleich der Beginn eines kargen, ereignislosen Lebens ohne Höhen und ohne Tiefen. Professor Sloane, der Mann, der mit seinem Seminar den Anstoß für Stoners Umkehr gab, verschafft ihm einen Posten als Dozent an der Universität, nicht ohne ihm in Aussicht zu stellen, dereinst ihm selbst als Leiter des Institutes nachzufolgen.

Der 1. Weltkrieg lässt viele junge Amerikaner freiwillig zu den Waffen eilen, viele von ihnen werden nicht zurück kehren. Stoner indes bleibt in an der Universität in Columbia, Missouri, arbeitet an seiner Dissertation und hält Seminare. Ereignislos. Bis er bei einem Studentenempfang Edith sieht. Stoner, der bis dahin keine Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht gemacht hatte, nimmt all seinen Mut zusammen und erbittet von der jungen Frau ein zweites Treffen.

Ohne jemals auch nur den kleinsten Hinweis auf eine Zuneigung ihrerseits für ihn erkennen zu können, verliebt er sich doch in Edith; seinen Heiratsantrag nimmt sie, bar jeder Regung, ein paar Wochen später widerspruchlos an, worauf für Stoner ein ereignis- und liebesloses Eheleben beginnt. Die beiden teilen eine kleine Wohnung, doch sie teilen kein gemeinsames Leben. Nur kurz flackert Leidenschaft auf, als Edith beschließt, nun ein Kind zu bekommen; eine Leidenschaft, aus der niemals Liebe wird.

Der Beginn der Schwangerschaft ist zugleich das Ende der Zuwendung und Stoner nimmt erneut sein eintöniges Leben an der Seite seiner Ehefrau auf. Einen neuen Aufschwung erhält es nach der Geburt seiner  Tochter Grace. Er ist für sie da, ist Vater und Mutter zugleich, denn Edith verharrt noch lange in einen leidenden Zustand zwischen Krankheit und Ablehung ihm und der Tochter gegenüber.

John Williams  schrieb einen unglaublich dichten und einnehmenden Roman über ein ganzes Leben. Einen Roman über den Wandel der Gesellschaft in den Jahrzehnten von 1910 bis 1954, einen Roman über die Universitäten, das Studium und die Studierenden, einen Roman über Einsamkeit. Einen Roman über Hoffnungen und Träume. Einen Roman über Liebe und Hass (ich könnte jetzt noch lange fortsetzen …). Alles in diesem einen Buch.

Dazu hat dieser Roman so viele unterschiedliche Gesichter. In einem Abschnitt bewegt sich die Handlung nur monoton dahin, doch bleibt man wie festgebunden beim Lesen. In einem anderen Abschnitt wird man von der anschwellenden Spannung von einer Seite zur nächsten gehetzt. In wieder einem anderen Abschnitt ist man betroffen, spürt Stoners Elend und leidet mit ihm seine eigenen Nöte mit. Dann ist man frohen Mutes, weil es  für Stoner eine Wendung zum Guten geben kann. Und hin und wieder kann man sich köstlich amüsieren. Immer aber erlebt man Stoners Leidenschaften mit, als wären es die eigenen.

So liest man sich durch das Buch und kann sich ihm nicht entziehen.

Stoner tritt immer wieder mit hohen Zielen an, er geht an neue Aufgaben mit allem Optimismus, den er aufbringen kann, heran. Er ist immer wieder von neuem entschlossen, dem, was er tut, seine ganze Aufmerksamkeit und sein ganzen Engagement Zuneigung zu widmen. Und doch wird er wieder und wieder zurückgeholt in eine ernüchternde Realität. So ergeht es ihm mit seinen Seminaren, die er mit aller Begeisterung vorbereitet, seine Studenten der Präsentation dann aber nur mit stummen Gleichmut folgen. Mit Edith, die er zutiefst liebt, die seine Gefühle aber mit Abscheu, vielleicht gar mit Ekel später mit Hass abweist. Mit seiner Liebe zu Katharina, die durch Neid und Missgunst ihr Ende findet.

Auch wenn es um die Biografie eines Mannes geht, der letztendlich an so vielem scheitert, was er sich jemals wünschte oder vornahm, so ist der Roman insgesamt doch keine traurige oder deprimierende Angelegenheit. Denn zum einem bietet er eine reine Lesefreude, zum anderen lässt John Williams seinen Hautpdarsteller trotz aller gescheiterten Versuche doch immer wieder neue Anläufe wagen und den Mut nie verlieren.

Williams’ Schreibstil ist unglaublich fesselnd. Keine Verschnörkelungen, keine langen Gedankengänge, keine überflüssigen Worte, keine Nebensätze; nur Tatsachen. Ein großartiges Buch!


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