Yoko Ogawa: Schwimmen mit Elefanten

verfasst am 01.09.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Ogawa, Yoko, Romane

Ein Roman aus der Gedankenwelt eines Kindes, eines heranwachsenden Jungen. Voller Fantasien, voller Geschichten, die in ihm ganz von alleine entstehen. Oder Geschichten, deren Anfang ihm die wirkliche Welt erzählt und die er in seinen Gedanken weiter erlebt.

Das Mädchen, das zwischen zwei Häusern in einem schmalen Durchgang verschwand und niemals wieder gesehen wurde; eine Legende, die in seinem Kopf zum Leben erweckt wird. Der Elefant, der sein Leben auf dem Dach eines Kaufhauses verbringen musst, weil er zu groß geworden war, dieser Ort wieder zu verlassen; ein lange zurückliegendes Ereignis, dass in seinem Kopf wieder auflebt.

Der Junge lebt für seine Geschichten und erlebt in ihnen die Welt und das Leben. So viel, dass er es einfach nicht mehr nötig hat, mehr von der wirklichen Welt zu erfahren, mehr in ihr zu erleben. Und weil Erwachsen-Werden wohl bedeuten würde, dass er seine Geschichten verlieren würde, wird er nicht erwachsen, körperlich jedenfalls: irgendwann hört er auf zu wachsen.

Ginge es so einfach, sich seine ganz eigene Welt zu erdenken, dann gäbe es wohl nur mehr Kinder. Es gäbe keine Autos, keine Flugzeuge, kein Fernsehen, alles Erfindungen von Erwachsenen. Dafür gäbe es etwas viel schöneres und besseres: die tägliches Chance nur das zu erleben, was man selbst möchte.  Weil es aber in der Wirklichkeit nicht geht, ist es umso schöner, ein Buch lang davon zu träumen.

Weil der Junge so gelernt hat, sich jedes beliebige Ereignis einfach in seinem Gedanken vorzustellen, wird er bald als genialer Schachspieler entdeckt. Wobei könnte man wohl besser diese Gabe verwenden, als bei einem Spiel, das verlangt, viele Schritte voraus zu denken. Der ehemalige Busfahrer, der nun in einem umgebauten Autobus wohnt, macht den Jungen mit der Kunst des Schauspiels vertraut. Zeigt ihm den Weg in eine weitere Welt, die in der Realität wurzelt und im Kopf des Jungen erst richtig zu leben beginnt.

Das Schachspiel wird fortan zum Mittelpunkt im Leben des Jungen und zum zentralen Thema des Buches. Er wird älter und seine Liebe zum Schachspiel bestimmt seine Gedanken und dirigiert sein. Und dabei treffen all seine Gedankenwelten zusammen: und das Mädchen, das ihn bei seinem Schachspiel begleitet, scheint genau das Mädchen aus seiner Gedankenwelt zu sein.

Ganz behutsam sind die Worte und die Sätze. So als ob jemand auf Zehenspitzen durch den Raum geht, um ja keinen Lärm zu machen, so schreibt Yoko Ogawa. Leise, vorsichtig, als wolle sie den Jungen, ihren Hauptdarsteller nicht stören. Womit dieses Buch bei mir den durchaus ungewohnten Effekt auslöste, dass tatsächlich Wort für Wort las, nicht zu schnell, nicht zu langsam, entspannt und gespannt.

Falls man es noch nie gespielt hat, oder das letzte Mal schon lange zurück liegt, so schaffen es die Beschreibungen des Schachspiels mit hoher Wahrscheinlichkeit, das Interesse daran (wieder) zu erwecken. So liebevoll und so plastisch ist die Schilderung, so mitreissend ist das Wesen des Spiels erzählt, was der Junge damit erlebt, wie er über deren Spielzüge ganz genau das Wesen seiner Gegner erkennt.

Von Anfang an schwingt die Trauigkeit mit, die das Leben des Jungen immer öfter bestimmt. Es ist ein im Grunde besinnliches, melancholisches Buch, das es schafft, seine Stimmung zu übertragen. Ich jedenfalls  konnte mich kaum vom Lesen losreissen. Und wurde ein wenig zu dem Jungen, dessen Leben Yoko Ogawa beschreibt.

Ein wunderschönes, ein ungemein fantasievolles, ein wirklich berührendes Buch.


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