Yoko Ogawa: Das Geheimnis der Eulerschen Formel

verfasst am 11.04.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Ogawa, Yoko, Romane

Der alte Professor lebt in einer Welt, die zum einen Teil aus Vergessen und zum anderen Teil aus Mathematik besteht. Allen, die vielleicht nicht nur positive Erinnerungen an das Fach Mathematik in der Schule haben, sei gesagt: im richtigen Umfeld werden auch Formel und Zahlen zu Poesie und mit Hilfe dieses Buches wird man es herausfinden.

Die neue Haushälterin findet sich im Haus des Porfessors in einer ganz eigenen Welt wieder. Der alte Mann hat ein Gedächtnis, das nur 80 Minuten in die Vergangenheit reicht. Nach einem Verkehrsunfall mehrere Jahre zuvor blieb ihm nur die Erinnerung an die Zeit davor – und eben dieses kleine Fenster in die Gegenwart. Nun lebt er gewissermaßen in einer Zeit, die er niemals kennen wird.

Auf kleinen Zetteln, die er überall platziert hat, notiert er die wichtigen Momente in seinem erinnerungslosen Leben, versucht in dieser Form, eine Struktur zu finden.

Die neue Haushälterin findet sich auf einem dieser Zettel wieder und bald auch ihr Sohn, der eines Tages zu Besuch kam und vom Professor sofort ins Herz geschlossen wurde. Der alte Mann vermag es, Mutter und Sohn mehr und mehr für die Magie der Zahlen zu begeistern. Für ihn ist dies alles, was ihm geblieben ist, den beiden verschafft er mit seiner Begeisterung neue Einblicke in ihr Leben und ihre Umwelt.

Zwischen Sohn und Professor findet sich noch eine zweite Ebene der Begeisterung: das Baseball-Spiel. Der Professor kennt nur die Daten, Fakten und Namen, die vor vielen Jahren, bis zu seinem Unfall, aktuell waren, für den Sohn sind dies alles Informationen aus ferner Vergangenheit. Schritt für Schritt finden sie mit Hilfe der Zahlen und mit Hilfe des Spieles eine gemeinsam Sprache, eine Ebene die Verständigung, in der auch das Vergessen seinen legitimen Platz hat.

Ich habe bisher noch niemals – zumindest kann ich mich nicht erinnern – ein Buch gelesen, das so sanft, so einfühlsam, so harmonisch geschrieben ist. Die Frau, die ehemalige Haushälterin des Professors, erzählt aus ihrer Erinnerung über die Wochen, Monate und Jahre, die sie und Ihre Sohn zuerst in der täglichen Gesellschaft und später als Freunde des Professors verbrachten.  Dabei spielte es keine Rolle, ob der alte Mann sich an sie erinnern konnte oder nicht, ob seine Erinnerung immer mehr nachließ. Denn über die Sprache der Zahlen fanden sie immer wieder eine neue Verbindung.

Obwohl im Grunde eine traurige Geschichte, entwickelt sich daraus eine heitere, optimistische Erzählung, die einfach nur schön zu lesen ist.

PS: jetzt finde ich es schade, dass meine Professorinnen im Gymnasium nicht über diese Gabe des Professors verfügten, die Zahlenwelt mit der realen zu verbinden. Das hätte mir das Leben damals leichter gemacht :-)


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