Christian Kracht: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten

verfasst am 15.08.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kracht, Christian, Romane

In einer ganz anderen Welt: die Sowjetrepublik Schweiz im hundertjährigen Krieg mit den verbündeten Ländern Deutschland und England. Die asiatischen Großmächte erobern Stück für Stück den europäischen Kontinent. Der Rest der Welt schaut auch besser aus, zwischen unbewohnbar und entvölkert bleibt kaum ein Platz für eine Zivilisation. Die Menschen haben einen großen Teil ihres Wissens, Ihrer Bildung, ihrer Zivilisation vergessen.

Die Schuld, dass diese Welt überhaupt entstand, trägt Lenin. Anstatt nach St. Petersburg zu reisen und die Macht in Russland an sich zu reissen, begann er 1917 seine Revolution in der Schweiz. Und so wie es in Russland geschehen hätte sollen, geschah es eben bei den Eid-Genossen. Dem Umsturz folgte Krieg, der Revolution folgte die Verarmung des Geistes, sie entwickelte – so wie es dieses Regime immer tun – ihre eigene Sprache mit den typischen Vokabeln und sie entschied für jede/n Einzelne/n, was gut und ausreichend für sie/ihn sein und was überflüssig und nicht im Geiste der Revolution.

Sprache versteht sich dabei im engen Sinn als “Sprechen”; denn “Schreiben” zählt nicht zu den Prioritäten die die  Sowjets für das Volk bestimmt und muss nicht mehr gelehrt werden. Da die Sowjets der Schweiz überdies sehr bewusst auf der Enstehungsgeschichte des Landes aufbauen (Habsburger, Tell, Rütlischwur…) und damals wohl auch kaum jemand Schreiben und Lesen konnte, erscheint dieser Vorgang durchaus logisch zu sein.

Im Zentrum der Handlung steht ein Politkommissär (der Ich-Erzähler). Er ist es, der über den Krieg berichtet: wie Regionen erobert und wieder verloren, wie Städte zerstört und nicht mehr aufgebaut wurden. Wie die schweizerische Sowjetrepublik sich von allen Nachbarn immerfort angegriffen fühlte uns ihrerseits immer wieder angriff. Fast hundert Jahre lang wogt das Schlachten nun schon hin und her und niemand kann sich mehr an einen Frieden erinnern, niemand hat ihn je erlebt.

Während sich die Revolution immer weiter schreitet (wenigstens in den Augen ihrer Schöpfer und Führer) aber noch lange nicht am Ziel ist, entwickelt sich alles andere zurück, bzw. gar nicht erst vorwärts: Kultur, Technik, Wissenschaft werden als überflüssig oder zumindest als nachrangig angesehen. Menschen, Bauwerke, Orte, das ganze Land verfallen. So ergeht es dieser Schweiz also auch nicht anders als Ländern aus “unserer” Zeitlinie, wie dem früheren Albanien, Maos China oder dem heutigen Nordkorea.

Nur eines  hat keine direkte Entsprechung in unserer Welt: die Schweiz hält sich Ostafrika nicht nur als Quelle für alle möglichen Ressourcen von Lebensmitteln sondern auch für den Nachschub an Menschen. Der Erzähler selbst wurde dort geboren.

Schwierigkeiten hat mir manchmal Krachts Wortwahl bereitet. Oft war ich bei mir unbekannten Wörtern (und es gibt viele davon im Buch) nicht sicher, ob es sich dabei um ein Kunstwort des Buches oder um einen wirklichen schweizerischen Ausdruck handelte  oder um ein Wort aus einer afrikanischen Sprache (war aber zu faul, um da nachzuforschen).

Überhaupt sollte man über die Grundzüge der Handlung Bescheid wissen, bevor man das Buch zu lesen beginnt. Da viele Zusammenhänge (und Wörter) nicht einfach erkennbar und zuzuordnen sind, hilft es, wenn man wenigstens den Rahmen des ganzen schon kennt (wie bei einem Puzzle, das man vom Rand aus nach innen legt).

Der Kommissär heftet sich an die Fersen eines Mannes. Immer tiefer in die schweizer Alpen führt die Spur. Der Weg dorthin (konsequenterweise zurück gelegt auf dem Rücken eines Pferdes) führt den Kommissär nicht nur durch die beissende Winterlandschaft sondern auch durch ein Panoptikum fremder und fremdartiger, absonderlicher und skurriler Gedanken, (Alb)Träume, Begegnungen und Erinnerungen. Bis hin zu dem Bauwerk, das sich durch die gesamten Alpen zieht.

Der Trip des Kommissärs verschafft einem selbst beim Lesen wahrhaft einen “Trip” in den Gehirnwindungen. Gelegentlich richtig schwindelerregend.

So sehr wird man hin und her gerissen von Illusion und .. ja was eigentlich?  Es ist kaum fassbar, dieses Buch; unbestreitbar aber beeindruckend in der Menge der darin enthaltenen Ideen, von denen viele überhaupt erstmals für genau diese utopische Welt entdeckt werden mussten. 

Wer erwartet, eine richtige Geschichte, etwas mit einer fortlaufenden Handlung, etwas über eine alternative Welt zu lesen – so wie zB. in “Vaterland” – findet etwas völlig anderes vor. Demzufolge ist das Buch für mich zugleich  eine Enttäuschung (war ich doch auf etwas mehr “greifbare” Inhalte eingestellt) und wie auch eine positive Überraschung. Denn mit so viel Ideenreichtum und Kreativität hätte ich nicht gerechnet.

PS: so prall gefüllte 160 Seiten habe ich schon lange nicht mehr gelesen.


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